Ratnagiri ist eine Kleinstadt an der Kueste Maharashtras, der Konkancoast. Wenn man mit dem Zug ankommt sieht man zuerst einige Industriegebaeude, die ueber mehrere Huegel verteilt sind. Vom Bahnhof zur eigentlichen Stadt sind es dann nochmal einige Kilometer. Im Stadtzentrum ist ein lebendiger Markt, verteilt ueber mehrere Strassen und Gassen durch die sich neben den werten Konsumenten auch Lieferwagen, Motorrikschaws , Autos und Motorraeder draengeln. Dort gibt es ziemlich viele Textilhaendler, um die Moscheen herum einige Metzger, ausserdem Gemuese und Obsthaendler und einige mehr. In der Mangozeit muss es hier wohl zu Hauf Mangos der Sorte “Alphonso” geben - die kommen naemlich aus Ratnagiri. Darueber hinaus wird viel Fisch verkauft, denn eigentlich ist Ratnagiri ein grosses Fischerdorf. Touristisch gesehen ist es auch noch dafuer beruehmt, dass es hier getrennt durch eine felsige Landspitze einen dunklen und einen hellen Sandstrand gibt.
Ein paar Studenten, die hier von Mumbai aus ein Wochenende lang Urlaub machen, zeigen mir ein nettes Hotel. Nachdem ich mein Quartier bezogen habe, esse ich in einem Restaurant an der kurzen Promenade des naheliegenden Dunkelsandstrandes zu abend. Und lausche den im Dunklen liegenden Wellen. Ein Steg fuehrt vielleicht zweihundert Meter aufs Wasser hinaus. Felsen ragen seitlich aus dem Wasser hervor. Ausser dem kreisenden Lichtstrahl des Leuchtturms, ein paar Lichtern an der Kueste und wenigen draussen, liegt das Wasser im Dunklen.
Am naechsten Tag gehe ich den Dunkelsandstrand entlang. Ein paar Jugendliche laden mich ein bei ihrem Cricketspiel dabeizusein, inzwischen habe ich auch ein paar Hindibrocken um grob zu erklaeren, wie ich heisse, was ich mache, woher ich komme und dass ich nur “thora-thora” Hindi spreche. Ich schaue ein paar Minuten zu, dann gehe ich weiter. Ein paar Kuehe und Hunde sind am Strand und auch ein Muellabladeplatz - etwas stinkig. Auch ein paar Fischer fragen mich. Das werde ich in Deutschland vermissen dieses einfach mal kurz fragen und sich dann auch noch freuen, wenn der andere einfach nur erklaeren kann, woher er kommt.
Dann wird die Kueste felsig. In Loechern im Basalt sitzen kleine Krabben im restlichen Salzwasser, oben ist ein Steilhang mit Wald. Eigentlich will ich um die Landspitze herumlaufen. Aber die Kueste wird immer krasser und ziemlich grosse Wellen werfen Gischt auf die Felsebene, auf der ich laufe, das Wasser kommt und ich stelle mir vor, wie diese Felsebene wohl aussieht, wenn die Wellen hier hinaufkommen, ausserdem rennt vor mir ein ganzer Schwarm schwarzer Strandkrabben ins Wasser, die mich irgendwie an die Szene in “Die Nomaden der Luefte” erinnern, wo die Seeschwalbe mit dem verletzten Fluegel den Krabben zum Opfer faellt. Ich gehe noch weiter bis mir eine Spalte in “meinem” Felsplateau den Weg versperrt, in der die Gischt malmt und spritzt und laufe dann zurueck. Schon irgendwie eine abenteuerliche Kueste - und vorher hatte ich nie verstanden, welche Probleme Seefahrer mit der Brandung hatten…
Den anderen Strand Ratnagiris suche ich also auf dem Landweg auf, hier ist eine Art Fischerslum, auf dieser Seite der Landspitze ist ausserdem ein Anleger fuer ein paar groessere Schiffe, ein Hindutempel auf einem Berg und an der Kueste auch eine Moschee. Als ich gerade dort ankomme, ist die Sonne untergegangen und der Muezzin ruft die muslimischen Fischer zum Gebet.
Am naechsten Tag breche ich schon morgends auf um an dem hellen Strand zu baden. Die Stadt hoert dort schon fast auf. Zwei Jungs fragen mich nach meiner Herkunft, wir unterhalten uns ein wenig. Sie studieren Hotelmanagement und empfehlen mir ein paar Plartze in der Naehe und bejahen, dass man am weissen Strand schwimmen gehen koenne. Unter den Kokospalmen am Strand sind bewohnte Huetten. Als ich dort ankomme scheint gerade Toilettenzeit der Fischer zu sein. Einige hocken am Strand und und nach erledigtem Geschaeft dient die auslaufende Brandung als Klopapier - die meisten Inder finden die Vorstellung sowieso ziemlich eklig dafuer Papier statt Wasser zu verwenden. Neben einer Sandduene liegt eine tote Katze. Sie ist in Kampfeshaltung erstarrt, mit aufgerissenen Augen und Mund, die Zaehne gut sichtbar, die Tatzen ausgestreckt, wahrscheinlich haben Hunde sie totgebissen. Trotz eines boese bellenden Hunderudels und der Toilettenfunktion des Strandes finde ich eine saubere Stelle zum Baden, ich bin scheinbar weit und breit der einzige mit dieser Idee. Nach einiger Zeit setzen sich zwei Inder in Respektabstand neben meinen Krempel am Strand, winken mich nach einiger Zeit herbei und warnen mich, ich solle nicht zu weit nach links schwimmen, da dort eine Stroemung aus der Bucht ins Meer hinausfuehre. Nach dem Baden laufe ich zurueck.
Mein Weg fuehrt an ein paar Haeusern vorbei, ansonsten durch Brachen, die voller Gebuesch sind, vor einem Haus vertreiben ein Kind einen Streunehund mit Steinwuerfen, er rennt jaulend davon. Neben der Strasse liegt ein kleiner weisser Hund - tot, ein noch kleinerer Hund schnueffelt an ihm. Eine Rickshaw, in der schon jemand sitzt, haelt neben mir, der Fahrer bietet an mich mitzunehmen. Es kann nicht mehr weit sein, aber warum nicht. Tatsaechlich ist mein Hotel schon um die naechste Ecke. Ich frage den Rickshawfahrer, ob ich ihm fuenf Rupees geben soll. Er moechte zehn, dabei klang es am Anfang nach einer Einladung…
In einem Internetcafe checke ich die Tourismusseite der Kueste, der Strand in Ganpatipule soll sehr schoen sein. In dem Internetcafe sitzen ansonsten noch ein paar Jugendliche und zocken Warcraft und Egoshooter.
Am naechsten Tag also nach Ganpatipule. Nach ca. 1 Stunde Busfahrt, Ankunft am Strand, dort tummeln sich hauptsaechlich indische Touristen. Manche sind vermutlich wegen des Tempels, der hier direkt am Strand steht, hergekommen. Ganze Schulklassen und Familienverbaende planschen in den auslaufenden Wellen, Kinder bauen Sandburgen, Jugendliche posieren fuer Fotos - am besten ist es natuerlich, wenn noch ein westlich aussehender Tourist mit dabeisteht und ein Kamelbesitzer bietet Kamelritte an. Zum richtigen Baden ist der Strand zu gefaehrlich - wegen der Brandung und gefaehrlichen Stroemungen und in einer Richtung soll auch die Gefahr bestehen am Strand in Treibsanden zu versinken. Ich wandere am Wassersaum entlang, linkerhand steigt die Kueste mit verschlungenen Pflanzen bewachsen an, rechterhand die Wellen, nach einiger Zeit wird der Strand zunehmend einsam und geht schliesslich in eine Steilkueste ueber, in der Ferne kann man sehen, wie grosse Wellen an den Felsen in Gischt zerstaeuben. Als ich zuruecklaufe, ist die Sonne schon untergegangen. An der Bushaltestelle erfahre ich, dass um diese Zeit kein Bus mehr zurueckfaehrt. Ich muss also die Rickshaw nehmen.