Archiv für August 2006

Dschermanja!

August 31, 2006

Oft werden wir gefragt, woher wir kommen. Aus Germania? Die Reaktionen koennen ganz verschieden sein. Viele Rumaenen bewundern die Laender im Westen Europas, ahmen einen „westlichen Lebensstil“ nach und moechten gerne auch auf einem materiell so hohen Niveau leben. Was aus Deutschland, Frankreich,… kommt gilt dementsprechend als hochwertig. Auf vielen Doerfern haben wir Bauruinen gesehen, bei denen Menschen angefangen haben ein grosses Haus hinzustellen und nie fertig geworden sind. Ich habe den Eindruck, dass mehr westliche Autos herumfahren, als noch vor zwei Jahren. Viele junge Leute fahren zum Arbeiten nach Deutschland, Frankreich, Spanien. In Deutschland zu bleiben können sich scheinbar aber nur wenige vorstellen. Ich glaube ich wuerde in Deutschland auch diese gesellige Lebensart vermissen, wenn ich aus Rumaenien kaeme. Als Deutscher wird man von vielen ein wenig privilegiert behandelt. Andererseits denken manche Rumaenen, dass Deutsche generell stinkreich seien. So schlug uns ein Mann in Siebenbuergen vor uns fuer zehn Euro mit dem Pferdewagen in den naechsten Ort mitzunehmen.

Sibiu – Hermannstadt

August 31, 2006

Samstag 26.08.06

Nach Sighetu Marmatiei haben wir zwei Tage lang in Sibiu bei einem Bekannten von Frido Pause gemacht. Sibiu ist die vielleicht touristischste Stadt Rumaeniens. Typisch fuer Sibiu ist die Baustelle – nach und nach wird der alte Stadtkern saniert. Wenn man in der Altstadt ist, koennte man es leicht mit einer deutschen Stadt verwechseln. Vielleicht nicht so verwunderlich, da die Stadt lange von deutschstaemmigen Siebenbuerger Sachsen bewohnt wurde. Aber um das kleine Zentrum herum geht es zu wie in jeder rumaenischen Stadt: Plattenbauten, Gemuesemaerkte, Verkehrsgewuehl auf der Strasse, wildes Leben.

Orthodox in Maramuresch?

August 30, 2006

Wir haben auf unserer Wanderung in der Maramuresch zwei Kloester besucht – beide wurden und werden gerade wieder aufgebaut – neu gebaute traditionelle Holzbauten. Das sind sehr schoene von Handwerkern errichtete Gebaeude. Auch in den Doerfern schiessen die Kirchenneubauten nur so aus dem Boden. Vielen Menschen scheint der Glaube jetzt umso wichtiger zu sein, nach der Unterdrueckung der Kirche im Kommunismus. Es gibt eine ausgepraegte Volksfroemmigkeit, bei wenigen ist es vielleicht nur ein „das macht man halt so“, aber viele Menschen wirken fest in ihrem Glauben verwurzelt. Sie sind nicht einfach konservativ kleinbürgerlich, sondern haben Vertrauen auf Gott. Ihre Bodenstaendigkeit beeindruckt mich sehr und doch kann ich ihren Glauben, der ohne viel theologisches Hinterfragen auskommt, nicht wirklich nachvollziehen. Ausser der orthodoxen Kirche, gibt es hier noch die griechisch-katholische Kirche und vereinzelt Adventisten, Pfingstler, roemische Katholiken, Protestanten. Im Museum in Sighetu Marmatiei fiel mir dann noch auf, dass mit sehr viel Respekt von den Christen unter kommunistischer Verfolgung erzählt wurde. Zum Beispiel davon, dass Glaubende verschiedener Konfessionen bei der Verfolgung und im Gefängnis ihre Trennung ueberwanden. Aus meinem Kontext kenne ich eher, dass Christen, die trotz Verfolgung an ihrem Glauben festhalten, als etwas zu fanatisch dargestellt und empfunden werden.

Sighetu Marmatiei

August 30, 2006

Hier hat mich ein Museum sehr beeindruckt:

In einem ehemaligen Gefaengnis wird – fuer Rumaenien ungewoehnlich – die Geschichte des Kommunismus und der hier inhaftierten politischen Gefangenen aufgearbeitet. In den Zellen kann man die drueckende Stimmung empfinden. Man erfaehrt viel ueber die Menschen, die hier gefangen waren. Die von Gefangenen hinterlassenen Gegenstaende sprechen Baende – einer hat auf einen Verband ein Gedicht gestickt. Intellektuelle, Glaubende von verschiedenen Kirchen, Menschen von ethnischen Minderheiten, widerstaendische Unterdrueckte.

Sapinza

August 30, 2006

Dienstag 22. August

Die letzten Tage waren wir in einer Gruppe gewandert, mit ein paar Freunden aus Fridos Freiwilligenzeit. Nun sind wir wieder zu zweit unterwegs. Ein Ehepaar aus Moldova nimmt uns mit dem Auto mit. Sie machen gerade Urlaub und erzaehlen, dass sie nach Lust und Laune mit dem Auto losgefahren sind. Der Mann traegt einen Cowboyhut und hoert amerikanischen Pop. Als niemand das Kloster kennt, bei dem wir aussteigen wollen, nehmen sie uns kurzerhand nach Sapinza ganz im Norden der Maramuresch mit.

Das trifft sich gut, nach Sapinza wollten wir sowieso noch. Denn in Sapinza ist ein Friedhof, der der froehliche Friedhof genannt wird. Auf den geschnitzten und blaubunt bemalten Hozkreuzen wird mit Bildern und laendlicher Poesie aus dem Leben der dort beerdigten Menschen erzaehlt – einfach, aber doch auch wuerdevoll.

Abends kommen wir bei einer Frau unter, die mit einer Privatpension das Studium ihrer Toechter finanziert. Es ist nicht sehr konfortabel und ein wenig einengende Stimmung, aber besser als bei Regen zu zelten.

Am naechsten Morgen fragen wir eine alte Frau nach Fahrtmoeglichkeiten nach Sighetu Marmatiei. Diese laedt uns jedoch erst einmal zum Essen ein. Sie wohnt mit ihrer 24-jaehrigen Tochter in einem Wohnkuechenschlafraum. Dort ist ausserdem ein alkoholkranker Mann, der die Tochter immer wieder bedraengt, aber scheinbar trotzdem von den beiden geduldet wird – ziemlich unangenehm. Zu Mittag gibt es Samale – in Weinblaetter gewickelten Fleischteig. Die Frau fragt uns nach unserem Studium, nach unserem Glauben – sie ist Adventistin, nach Deutschland. Sie denkt, dass die Menschen in Deutschland kaum rauchen und saufen. Bevor wir gehen zeigt sie uns ein Gaestezimmer und laedt uns ein, bei unserem naechsten Maramureschbesuch doch bei ihr zu uebernachten.

Wir suchen erneut eine Mitfahrgelegenheit. Ein Mann verlangt einen unueblich hohen Preis. Als wir ablehnen, schimpft er, das sei doch fuer uns nicht viel Geld. Schliesslich nehmen uns zwei junge Maenner mit. Sie fahren einen alten gediegen gestylten Dacia, tragen Cowboyhuete und hoeren Manele, schwungvolle rhythmisch schraege osteuropaeische Musik. Sie erzaehlen uns, dass sie in Frankreich auf dem Bau arbeiten und wollen kein Mitfahrgeld, da wir auch Reisende seien wie sie.

Nach Mediasch

August 25, 2006

Morgen frueh geht es weiter nach Mediasch. Darauf bin ich sehr gespannt, weil ich in dieser Gegend schon einmal war und sich bestimmt seitdem einiges geaendert hat.

Radiobergstation

August 25, 2006

Gestern sind wir mit Bus und Zug nach Sibiu in Siebenbuergen, in der Mitte Rumaeniens, gefahren. Jetzt sind wir bei einem Bekannten von Frido zu Gast. Hier habe ich wieder Zeit und Moeglichkeit zu bloggen. Also der Reihe nach…

Schon der erste Tag in der Maramuresch war sehr erlebnisreich. Da unsere Tour durch das Izatal fuehren sollte, wollten wir zuerst aufwaerts durch eine Schlucht zur Izaquelle. Ein paar Handwerker boten uns an unsere Rucksaecke mit dem Auto zu einer Berghuette nach der Schlucht mitzunehmen. Da sie vertrauenswuerdig wirkten, liessen wir uns entlasten. Die Schlucht war eine richtige Gebirgsschlucht, eng, mit vielen wilden Pflanzen und seltenen Tieren. Bei der Huette fanden wir tatsaechlich das Auto und unsere Rucksaecke. Ein Mann war gerade dabei Pferde an ein Fuhrwerk voller Berggepaeck zu spannen. Er bot uns an unsere Rucksaecke noch weiter mit hinauf zu transportieren und wies auf einen weit entfernten Wipfel oberhalb der Baumgrenze. Wir durften auch auf dem Fuhrwerk mitfahren. An Gabelungen des Waldweges stiegen noch zwei weitere Maenner hinzu. Sie waren gut gelaunt, Frido unterhielt sich ein wenig auf Rumaenisch mit ihnen. Aber wir konnten uns nicht erklaeren, was sie da oben vorhatten – Hirten oder Holzarbeiter? Waehrenddessen wurde der Weg immer abenteuerlicher. Die Pferde konnten nicht mehr so schnell laufen. Wir mussten absteigen. Der Weg war inzwischen sehr steil, mit mehr als einen halben Meter tiefen Erosionsgraeben. Wenn wir es nicht gesehen haetten, haette ich nicht geglaubt, dass man dort mit einem Pferdefuhrwerk fahren kann. Aber der „Kutscher“ schien alles im Griff zu haben: Er trieb die Pferde mit Rufen und Stock an, goennte ihnen Pausen, fuhr abseits des Weges durch den Wald. Auf dem waldfreien Gipfel in 1700 Meter angekommen, bauten alle ihre Zelte auf. Waehrend die Sonne hinter den Bergen verschwand, konnten wir auf das umgebende Maramureschgebirge schauen. Es war ziemlich windig und sehr beeindruckend.

Jetzt wurde klar, was die Maenner – zwei von den „Handwerkern“ waren noch auf dem Berg dazugekommen – vorhatten: Sie errichteten eine 10 m hohe Antenne und erklaerten, dass sie an einem Wettbewerb fuer Amateurfunker teilnaehmen.

Nach Einrichten der Funkstation und erstem Funkverkehr wurde gemeinsam gegessen und noch ein wenig am Lagerfeuer gesessen. Sie fragten uns nach Deutschland und unserer Familie. Einige waren schon als Erntehelfer oder Kellner in Deutschland gewesen. Freundlich und mit viel Geduld versuchten sie sich mit mir auf Rumaenisch zu unterhalten.

Am naechsten Morgen empfingen uns die Amateurfunker schon am Zeltausgang und verwickelten uns in ein Gespraech. Bald kamen auch noch einige Schafhirten auf ungesattelten Pferden und mit kraeftigen Hirtenhunden vorbei. Diese Hunde nehmen es auch Woelfen auf, im Beisein der Hirten brauchte man aber keine Angst vor ihnen zu haben. Einer der Hirten war schon zur Erdbeerernte in Malsch bei Karlsruhe gewesen. Alles sehr bodenstaendige Leute. Mich hat das beeindruckt. Bei dieser Begegnung habe ich gemerkt, dass in Rumaenien ganz anders kommuniziert wird, als ich es gewohnt bin. Manchmal wird etwas mehrfach wiederholt und es geht dabei nicht nur um den Inhalt, sondern eher um den Tonfall und die Stimmung, man ist gerne staendig im Gespraech.

Dennoch machten wir uns recht bald an den Abstieg…

Maramures pe jos – zu Fuss

August 18, 2006

Inzwischen schreibe ich aus einem Internetcafe in Vischeul de sus. Das liegt in der Maramuresch. Vorher noch ein paar Bilder aus Lipova:

Lipova3 Lipova3 wandergenossen

Die Zeit in Lipova war optimal, um sich in Ruhe auf Rumaenien einzustellen. Durch die Gastfreundschaft der Familie konnten wir uns wie zu Hause fuehlen. Die Kinder haben immer weiter geduldig versucht mit mir zu reden und mir Rumaenisch beizubringen. Jetzt kann ich schon ein paar einfache Sachen sagen und fragen.

Fast fiel es uns schwer gestern nacht loszuziehen. Nach einer wenig erholsamen Nachtzugfahrt sind wir nun in der Maramuresch. Touristen gibt es hier wenige (ausser im Internetcafe). Die Menschen wirken sehr interessiert und gastfreundlich. Waehrend einer kleinen Mahlzeit an der Strasse wurden wir dreimal von Maennern angesprochen, die uns fragten, woher in Deutschland wir kaemen. Einer erzaehlte, dass er schon mehrmals in Deutschland gewesen sei und Strassenmusik gemacht habe. Ein anderer war als Helfer bei der Erdbeerernte in Deutschland. Alle empfehlen uns einen schoenen Wanderweg nach Sighetu. Die naechsten Tage sind wir also unterwegs. Vielleicht finde ich dann in Sighetu wieder ein Internetcafe.

Bilder aus Viseul de sus:

Viseul de sus1 Viseul de sus2

Schaffner und Busfahrer

August 17, 2006

Auf unserer Fahrt von Budapest nach Arad sind wir mit der ungarischen Bahn gefahren. Am internationalen Schalter mussten wir mehr als eineinhalb Stunden gewartet und verpassten deshalb unsere fruehere Verbindung. Zeit um in Ruhe zu Brunchen…

Spaeter im Zug fiel mir der freundliche Schaffner auf – er gab sich viel Muehe und informierte uns auf Deutsch (!) ueber den naechsten Halt und unsere Route. Einige Leute sprechen hier deutsch, die meisten Leute behandeln Deutsche mit viel Respekt, an vielen Stellen begegnen einem deutsche Worte, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland spielen fuer die meisten Laender hier eine grosse Rolle. In Arad sind wir spaeter mit einer ehemaligen Stuttgarter Strassenbahn gefahren.

Auch der rumaenische Schaffner, der an der Grenze einstieg war sehr hoeflich und strahlte jenen Berufsethos aus. Rechtzeitig wies er uns auf die Ankunft in Arad und unseren Anschlusszug hin.

Leider fuhr dieser jedoch nicht… Drei Stunden spaeter waere ein Zug gefahren. Wir entschlossen uns nach einer Mikrobusverbindung zu suchen – Kleinbusse, die hier zwischen den Staedten verkehren. Da keiner fuhr, trampten wir von einer Tankstelle.

Von einem Bus wurden wir mitgenommen. Wir erfuhren, dass der Bus schon drei Tage unterwegs war: Er war in Spanien gestartet und transportierte das Gepaeck von Rumaenen, die dort als Erntehelfer gearbeitet hatten. Das war der Wochenrhythmus der Busfahrer: Drei Tage nach Spanien, ein Tag Pause, drei Tage zurueck.

Soweit unsere Reiseerfahrungen am Montag, heute nacht geht es mit dem Nachtzug von Lipova weiter nach Maramures.

Szigetfotos

August 17, 2006

Zwei Fotos vom Sziget:

Auf dem ersten Bild kann man den Auftritt eines ungarischen Tanztheaters sehen – sehr farbenfroh, ausdrucksvoll und wunderschoen. Das war eine angenehme Abwechslung zwischen viel lauter Musik zum Abgehen.

Sziget Tanztheater

Auf dem zweiten Bild sieht man „17 Hippies“ aus Deutschland bei ihrem Auftritt auf der Weltmusikbuehne. Das Konzert hat wirklich Laune gemacht.

17Hippies

Lipova

August 16, 2006

Vorgestern sind wir in Lipova angekommen. Ich versuche Rumaenisch zu lernen und verstehe inzwischen ein paar Worte – die Kinder von der Familie, bei der wir zu Gast sind, sind dabei die beste Hilfe, die man sich vorstellen kann.

Rumaenien ist durch das andere Lebensgefuehl fuer mich sehr beeindruckend – auch wenn ich schon einmal hier war. Das Leben findet viel mehr auf der Strasse und auf den Hoefen statt, viele Kinder spielen draussen, aber auch alte Menschen sitzen an der Strasse. Hunde streunen herum – davor muss man sich ein bisschen in Acht nehmen. Obwohl Lipova eine Kleinstadt ist wachsen an den Strassen Zwetschgenbaeume – zur Zeit wird da gerade viel geerntet. Die Maerkte sind sehr lebendig, grosse Melonenhaufen liegen auf den Tischen und auf der Strasse. Pfirsiche werden hier in der Gegend angebaut und schmecken saftiger als bei uns. Leute halten oft ein paar Nutztiere im Hof. Mich beeindruckt, dass sich viele sowohl mit Autos, als auch mit Landwirtschaft auskennen. Sonst waere es aber wahrscheinlich auch schwer zurechtzukommen.

Frido kennt unsere Gastgeberfamilie aus seiner Zeit in Rumaenien. Sie gehoeren zu einem Kinderhilfswerk und haben selbst ca. 9 Kinder aufgenommen. Die Zustaende in rumaenischen Kinderheimen sind schlimm – es ist schoen zu sehen, wie gut es den Kindern in dieser Familie geht.

Szigetfestival

August 10, 2006

Das erste Reiseziel ist erreicht: Das Szigetfestival in Budapest. Das Sziget wirkt bunt, riesig, international, verrückt, laut, friedlich, alternativ… Es findet schon seit mehreren Jahren auf einer Donauinsel westlich von Budapest statt. Sehr schöne Location – da kann man zur Entspannung auch mal an der Donau chillen. 50000 Leute sind da – insgesamt werden es dann wohl einige mehr sein. Ich mag das internationale Gewühl. Schöne Musik gibt es auch: Heute freue ich mich auf Lila Downs, Wir sind Helden und sehr coole Balkanblasmusik. Es gibt viele Bühnen und so stehen nicht allein die bekannten Musiker im Mittelpunkt, sondern man kriegt eher einen Mix mit.