Archiv für September 2006

Libellenflügel

September 29, 2006

Anlässlich des Semesteranfangs mal wieder etwas aus der Bionik:

Prachtlibelle, fotografiert von Matthias Zimmermann, gefunden bei Wikipedia
Prachtlibelle, fotografiert von Matthias Zimmermann, gefunden bei Wikipedia

Der Libellenflügel ist mein Lieblingsbeispiel dafür, wie genial Lebewesen an ihre Lebensweise angepasst sind. Libellen sind echte Vierflügler, ihr vorderes und hinteres Flügelpaar lassen sich unabhängig voneinander bewegen. Sie sind unglaublich gute Flieger und zu waghalsigen Manövern fähig. Das müssen sie auch. Denn Libellen sind Jäger und ihre Lieblingsbeute sind Fliegen – nach Libellen die zweitbesten Flieger.

Um so zu fliegen, müssen natürlich auch die Libellenflügel verschiedensten teils widersprüchlichen Anforderungen genügen:

- Leichtbau: Eine Libelle kann sich nicht viel schwerpunktsfernes Gepäck leisten.

- Stabilität: Ein Libellenflügel wächst nur einmal, dennoch sind die Belastungen beim Fliegen hoch, darüber hinaus attackieren Libellen auch Konkurrenten mit ihren Flügeln.

- Aerodynamik: Tolle Manöver sind nur möglich, wenn man auch genug Auftrieb hat und sicher in der Luft liegt

Tatsächlich ist der Libellenflügel eine Leichtbaukonstruktion: Eine Libelle wiegt 1 Gramm. Nur 1-2% davon machen die Flügel aus.

Allerdings stellt sich die Frage, wie Libellenflügel mit so wenig Material noch genug stabil sein können. Dafür sind verschiedene Strukturen verantwortlich: Schon mit bloßem Auge kann man ein Netz von Verstrebungen erkennen, zwischen denen die Flügelmembran aufgespannt ist. Außerdem ist ein Libellenflügel nicht flach, sondern hat im Profil eine wellige Struktur – mit ähnlichen Stabilitätseffekten wie bei Wellpappe. Doch diese Anpassungen reichen noch nicht, um den Libellenflügel zu stabilisieren. Durch Materialanalyse stieß man als weiteren Beitrag auf die mehrschichtige Anordnung der Kutikula – des hautartigen Materials aus dem Verstrebungen und Membran bestehen. Durch Untersuchungen mit einem Akustikmikroskop entdeckte man außerdem noch feinere Verbindungen zwischen den Verstrebungen in der Membran. So können die Wissenschaftler die Stabilität des Libellenflügels nun halbwegs nachvollziehen.

Verwunderlich ist nun, dass die Libelle trotz des welligen Profils noch so wendig fliegen kann. Dabei weiß doch jeder, der sich mal ein bisschen mit Aerodynamik beschäftigt hat, dass ein aerodynamisch optimaler Flügel so aussieht:

aeroflügel

Als man daher das Umströmungsverhalten des Libellenflügels im Rauchkanal untersuchte, sah man folgendes:

Libellenflügel

Strömungswirbel legten sich genau so in die „Täler“ des Libellenflügels, dass sich eine aerodynamisch günstige Umströmung ergab. Doch der Flügel ist auch im mikroskopischen Bereich noch mehr optimiert: An den Flügelvorderkanten wurden Mikrostrukturen entdeckt, die der Luft einen „Drall“ geben. Dadurch nimmt sie einen längeren Weg über die Flügeloberseite und der Flügel generiert noch mehr Auftrieb. Pik-förmige Mikrostrukturen an der Flügelhinterkante lassen die wegströmende Luft außerdem noch länger laminar, also gerade, fließen. Das wirkt, als ob der Flügel länger wäre und minimiert den Widerstand durch Luftverwirbelungen.

An den Kanten des Flügels haben Libellen außerdem Sensorhaare. So können sie immer passend auf Änderung der Strömung reagieren und ihre waghalsigen Manöver fliegen…

Was fangen nun die Bioniker damit an? Gerade von den Mikrostrukturen kann man lernen. Wenn man die Ähnlichkeitsgesetze beachtet – also die Anpassung an Größe und Geschwindigkeit, könnte man ähnliche Strukturen an Flugzeugen anbringen. Außerdem: Was wäre mit einem Leichtbauflugzeug mit geknickten Flachflügeln? Natürlich wird auch weiter geforscht: Denn den Gleitflug kann man zwar nachvollziehen, aber wenn die Libelle beide Flügelpaare teils gegenläufig bewegt, wird es sehr kompliziert…

…und spannend!

Rückkehr über Grenzen

September 14, 2006

Bei unserer Rückreise haben wir eine Mitfahrgelegenheit. Unser Fahrer wohnt mit seiner Familie in Deutschland. Jetzt hat er seine Eltern besucht, die er vorher ein Jahr lang nicht gesehen hatte.

Durch seine Worte sehen wir Rumänien noch einmal aus einer anderen Perspektive. In Mediasch weist er auf ein Haus und meint: „Hier wohnt der Mafiaboss von Mediasch. Wer hier ein Unternehmen anfangen will, muss erst mit ihm sprechen.“

Er meint, dass die EU für viele Rumänen schlecht sei. Die Preise in den Supermärkten steigen, aber die Löhne der Rumänen bleiben gleich – bei ungefähr 140 € im Monat. Früher, sagt er, haben die Rumänen sich gerne in der Nachbarschaft geholfen, inzwischen sei ein kühleres Klima eingezogen. Auf meine Frage, ob er den Umgang in Deutschland miteinander nicht auch als kühl und distanziert empfinde, antwortet er, dass die Deutschen doch sehr rücksichtsvoll und gastfreundlich seien. In seinem Dorf habe er schnell guten Kontakt mit den Nachbarn bekommen.

Bei der Fahrt durch ein Dorf erzählt er, dass hier vor ein paar Jahren die Bewohner nach einem Mord alle Zigeuner umgebracht haben. Mir schaudert es. Auch er ist der Meinung, dass die meisten Zigeuner Verbrecher seien – er habe als Militärpolizist viel mit Zigeunern zu tun gehabt. Zu einem gewissen Grad scheint es tatsächlich auch diese schlechten Erfahrungen mit Zigeunern zu geben, aber irgendwie hat sich das verselbstständigt.

Bald sind wir an der Grenze, dort müssen wir länger warten. Wie so oft ist es ein bisschen ungerecht: Unsere Pässe werden kaum beachtet, während die Beamten den Pass unseres Fahrers genau mustern.

Mit dieser Fahrt ist unsere Rumänienreise zu Ende. Wir hatten auf jeden Fall eine sehr beeindruckende Zeit. Viele Begegnungen und Erlebnisse hatten wir nicht geplant, sondern sind damit beschenkt und gesegnet worden. Das war schon echt krass und dafür bin ich dem kreativen und liebevollen Gott dankbar. Es hat viel Spaß gemacht hier davon zu erzählen. Vielen Dank, liebe Leser, für eure Aufmerksamkeit und Kommentare!

Bukarest

September 13, 2006

Obwohl wir schon seit mehr als einer Woche wieder in Deutschland sind, werde ich noch über die Tage in Bukarest und unsere Rückreise schreiben:

28.08.06

Die Ankunft in Bukarest ist nach den Tagen im beschaulichen Siebenbürgen ein ziemliches Kontrastprogramm. Nach einer U-Bahn-Fahrt kommen wir auf den Piata Unirii, ringsum hohe Prachtbauten voller Werbetafeln, trotzdem wirkt der Platz riesig mit etwas Grün in der Mitte und sehr weitläufigen Brunnenanlagen, aber zerschnitten von Verkehrschaos. Eine Prachtstraße führt zu Ceausescus „Haus des Volkes“ – sogar von fern wirkt dieser Palast wie ein Ungetüm. Es kommt mir alles ziemlich gegensätzlich vor: Monumentalbauruinen, Konsumtempel, ein paar Straßen weiter heruntergekommene Wohngebäude, dazwischen sucht sich das gewühlige Leben seinen Weg: Leute beim Shopping, Bettler, Verkehrspolizisten, Berufstätige unterwegs nach Hause, streunende Hunde. Wir kaufen unser Mittagessen bei einem der vielen Bäcker, die direkt an der Backstube frischgebackenes, noch warmes Gebäck verkaufen.

Als wir in den Stadtteil kommen, wo Frido vor zwei Jahren gewohnt hatte, stellt er fest, dass hier die Straßen inzwischen asphaltiert sind, ein ehemaliger Markt ist verschwunden und durch einen Supermarkt ersetzt, in der Nähe sind einige Hotelhochhäuser in die Höhe geschossen. Auch hier ist Rumäniens Weg in die EU sehr sichtbar.

Einmal begegnen mir in einer Nebenstraße zwei bettelnde Kinder – vielleicht 6 und 10 Jahre alt. „Money, money, money!“, rufen sie in klagend-forderndem Ton. Ich will vorbeigehen, sage: „Nu“ – Nein. Sie heften sich an meine Fersen, der eine klammert sich an mich und versucht nach meinem Portemonaie zu greifen. Ich stoße sie weg, laufe weiter, sie bleiben zurück. Auch im Nachhinein macht mich diese Situation noch ratlos.

Am nächsten Tag bin ich zu Besuch bei einem Straßenkinderprojekt. So erlebe ich Straßenkinder noch einmal von einer anderen Seite und sehe, wie sehr die Kinder an den Mitarbeitern hängen, die sich dort um sie kümmern. Eine Freiwillige erzählt, dass viele Kinder von ihren Eltern zum Betteln geschickt werden.

An unserem letzten Tag in Bukarest kaufen wir noch einmal Obst auf einem rumänischen Markt. Die Verkäufer haben Obst und Gemüse einfach in großen Haufen auf die Tische gelegt, ein Kilogramm Obst kostet meist weniger als einen Euro, es ist Erntezeit – das ist schon eine Art Reichtum. Ich hoffe, dass diese Märkte nicht nach und nach den Supermärkten weichen. Denn es geht hier viel lebendiger zu und das frische Obst und Gemüse ist sehr viel besser als die Produkte der EU-Landwirtschaft. Andererseits herrscht im Winter große Armut – dann haben die Märkte nichts mehr…

Als wir abends mit ein paar deutschen Rumänienfreiwilligen und Rumänen zusammensitzen, erzählt ein junges Paar, dass sie davon träumen aus Bukarest wegzuziehen. Sie schildern, dass in Bukarest das Leben immer schneller werde und der Druck hoch sei mit dem Lebensstandart mitzuhalten. Die Frau sagt, sie könne hier einiges von einem besseren Leben sehen, aber es komme ihr vor, als dürfe sie davon immer nur messerspitzenweise kosten.

Sommersachsen und Sommerfestivals

September 5, 2006

27.08.06

Unterwegs treffen wir einen Siebenbürger Sachse, der mit dem BMW sein ehemaliges Heimatdorf besucht. Er freut sich mit Deutschen sprechen zu können und fragt uns, woher wir kommen – vielleicht aus Siebenbürgen? Er hat einen Dialekt, der ein bisschen an Luxemburgisch erinnert. Früher war das Dorf von vielen Sachsen bewohnt, in den letzten zwanzig Jahren sind alle ausgewandert. Letztes Jahr ist seine alte Mutter im Sommerurlaub hier gestorben und er hat sie beerdigt. Man merkt die Wehmut des Mannes. Er hängt noch immer an seiner alten Heimat, auch wenn er inzwischen in Esslingen wohnt.

Nach einem Dorf begleiten uns ein paar Jugendliche ein Stück weit. Sie wollen, dass wir ihnen auch ein Zugticket nach Sighisoara bezahlen. Wir erklären, dass wir als Studenten auch nicht reich sind. Einer fasst an Fridos Rucksack. Das ist uns zuviel – wir schicken sie weg. Natürlich sind wir reich: Wir haben Mobilität – sie nicht. Einer folgt uns weiter. Als wir unser Brot auspacken, bittet er um ein Stück. Wir geben es ihm, er hat offensichtlich tatsächlich Hunger.

In Sighisoara ist ein Folkloretanzfestival – Tanzgruppen aus verschiedenen Ethnien treten hier auf. Auch Deutsche – nicht so überzeugend. Wirklich begeisternd ist eine Zigeunertanzgruppe. Man merkt, dass den Zigeunern ihre Tänze in Fleisch und Blut übergegangen sind. Abends spielt noch eine rumänische Band, für die Jugendlichen der Region scheint das ein großes Highlight zu sein, der Platz ist voll.

Roma und ein alter Bauer

September 5, 2006

Auch noch 26.08.06

Personalzug von Sibiu nach Mediasch – sehr aufregend. Ständig rennen irgendwelche Leute den Gang rauf und runter und verkaufen Zeitungen, Sonnenblumenkerne oder Schokolade. Von Leuten, die keine Fahrkarte vorweisen, bekommt der Schaffner stattdessen einen Geldbetrag zugesteckt. Eher zwielichtige Gestalten mustern uns während der ganzen Fahrt.

Dann sind wir endlich wieder im Grünen unterwegs. Auf unserer Wanderung nach Biertan kommen wir auch an ein paar ärmlichen Hütten hinter einem Dorf vorbei – vielleicht eine Romasiedlung. Eine Gruppe kleiner Kinder rennt uns nach, sie betteln um Geld und Kaugummi und sind einfach neugierig. Plötzlich überholt uns ein Polizeiwagen und hält. Sofort sind die Kinder weg. Der Beamte fragt: „Did they bother you?“ Er fragt uns auch, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Wenn wir nicht gesagt hätten, dass wir gerne zu Fuß gehen, wären wir vielleicht sogar zum ersten Mal mit der Polizei getrampt…

Dieser Unterschied zwischen Zigeunern und deutschen Touristen fühlt sich nicht gerecht an. Den einen wird fast immer unterstellt, dass sie kriminell sind und Böses im Schilde führen, während die anderen Privilegien und Respekt genießen. Zigeuner sind quasi die „Unberührbaren“ der rumänischen Gesellschaft. Manche Zigeuner verhalten sich tatsächlich gemäß jener Rolle des Sozialschmarotzers und (Klein-)Verbrechers. Aber alle anderen werden ebenso in diese Schublade gesteckt. Wir haben wirklich viele Rumänen getroffen, die diese (Vor-)Urteile pflegten. Und was ist mit den Roma, die ganz normal Handel treiben? – Das sind keine wirklichen Zigeuner.

Die Kirchenburg in Biertan ist tatsächlich sehr beeindruckend. Man kann sich zumindest ein bisschen vorstellen, wie alle Dorfbewohner mit ihrem Vieh darin Zuflucht suchen. In den nächsten Ort nimmt uns ein alter Bauer auf seinem Pferdefuhrwerk mit. Sein Pferd ist schon recht müde. Er ist an diesem Tag bestimmt 40 Kilometer gefahren – zu einem Viehmarkt im Tal, um Lämmer einzukaufen. Er hat keine Lämmer erwerben können. Der Bauer erzählt uns das letztes Jahr seine Frau gestorben ist und er nun allein die jugendlichen Kinder aufzieht.