Libellenflügel
Anlässlich des Semesteranfangs mal wieder etwas aus der Bionik:

Prachtlibelle, fotografiert von Matthias Zimmermann, gefunden bei Wikipedia
Der Libellenflügel ist mein Lieblingsbeispiel dafür, wie genial Lebewesen an ihre Lebensweise angepasst sind. Libellen sind echte Vierflügler, ihr vorderes und hinteres Flügelpaar lassen sich unabhängig voneinander bewegen. Sie sind unglaublich gute Flieger und zu waghalsigen Manövern fähig. Das müssen sie auch. Denn Libellen sind Jäger und ihre Lieblingsbeute sind Fliegen - nach Libellen die zweitbesten Flieger.
Um so zu fliegen, müssen natürlich auch die Libellenflügel verschiedensten teils widersprüchlichen Anforderungen genügen:
- Leichtbau: Eine Libelle kann sich nicht viel schwerpunktsfernes Gepäck leisten.
- Stabilität: Ein Libellenflügel wächst nur einmal, dennoch sind die Belastungen beim Fliegen hoch, darüber hinaus attackieren Libellen auch Konkurrenten mit ihren Flügeln.
- Aerodynamik: Tolle Manöver sind nur möglich, wenn man auch genug Auftrieb hat und sicher in der Luft liegt
Tatsächlich ist der Libellenflügel eine Leichtbaukonstruktion: Eine Libelle wiegt 1 Gramm. Nur 1-2% davon machen die Flügel aus.
Allerdings stellt sich die Frage, wie Libellenflügel mit so wenig Material noch genug stabil sein können. Dafür sind verschiedene Strukturen verantwortlich: Schon mit bloßem Auge kann man ein Netz von Verstrebungen erkennen, zwischen denen die Flügelmembran aufgespannt ist. Außerdem ist ein Libellenflügel nicht flach, sondern hat im Profil eine wellige Struktur - mit ähnlichen Stabilitätseffekten wie bei Wellpappe. Doch diese Anpassungen reichen noch nicht, um den Libellenflügel zu stabilisieren. Durch Materialanalyse stieß man als weiteren Beitrag auf die mehrschichtige Anordnung der Kutikula - des hautartigen Materials aus dem Verstrebungen und Membran bestehen. Durch Untersuchungen mit einem Akustikmikroskop entdeckte man außerdem noch feinere Verbindungen zwischen den Verstrebungen in der Membran. So können die Wissenschaftler die Stabilität des Libellenflügels nun halbwegs nachvollziehen.
Verwunderlich ist nun, dass die Libelle trotz des welligen Profils noch so wendig fliegen kann. Dabei weiß doch jeder, der sich mal ein bisschen mit Aerodynamik beschäftigt hat, dass ein aerodynamisch optimaler Flügel so aussieht:
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Als man daher das Umströmungsverhalten des Libellenflügels im Rauchkanal untersuchte, sah man folgendes:
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Strömungswirbel legten sich genau so in die “Täler” des Libellenflügels, dass sich eine aerodynamisch günstige Umströmung ergab. Doch der Flügel ist auch im mikroskopischen Bereich noch mehr optimiert: An den Flügelvorderkanten wurden Mikrostrukturen entdeckt, die der Luft einen “Drall” geben. Dadurch nimmt sie einen längeren Weg über die Flügeloberseite und der Flügel generiert noch mehr Auftrieb. Pik-förmige Mikrostrukturen an der Flügelhinterkante lassen die wegströmende Luft außerdem noch länger laminar, also gerade, fließen. Das wirkt, als ob der Flügel länger wäre und minimiert den Widerstand durch Luftverwirbelungen.
An den Kanten des Flügels haben Libellen außerdem Sensorhaare. So können sie immer passend auf Änderung der Strömung reagieren und ihre waghalsigen Manöver fliegen…
Was fangen nun die Bioniker damit an? Gerade von den Mikrostrukturen kann man lernen. Wenn man die Ähnlichkeitsgesetze beachtet - also die Anpassung an Größe und Geschwindigkeit, könnte man ähnliche Strukturen an Flugzeugen anbringen. Außerdem: Was wäre mit einem Leichtbauflugzeug mit geknickten Flachflügeln? Natürlich wird auch weiter geforscht: Denn den Gleitflug kann man zwar nachvollziehen, aber wenn die Libelle beide Flügelpaare teils gegenläufig bewegt, wird es sehr kompliziert…
…und spannend!
September 30, 2006 um 10:56 Uhr nachmittags
ich bin sprachlos…
Oktober 2, 2006 um 10:32 Uhr vormittags
Wenn ich mir diesen Libellenflügel ansehe, dann fällt mir eines sofort auf: Alle die Flügelprofile, die der Mensch so baut sehen dagegen “simpel” aus. Wder Helikopter- noch Flugzeugflügelprofile bieten diese Art von filigraner Feinstruktur. Ich finde ein Flügel einer Libelle ist dagegen viel schöner, also im Sinne von interessanter aussehend.
Und warum ist der Flügel nich nur saustabil, flexibel und leicht, sondern auch noch zu allem überfluss “trendy” durchsichtig??? Kann mir das mal wer erklären? Das würde Flugzeugfliegen echt schöner machen, wenn die Tragflächen durchsichtig wären, dann könnte man wenigstens rausgucken und würde nicht immer den doofen Flügel im Blickfeld haben.
Die Natur ist einfach unerreicht. Dies vielen vielen kleinen Dinge, die alle eine Bedeutung haben machen aus meiner Sicht die wahre Schönheit aus.
Übrigens sind die Flügel so stabil, die können damit problemlos eine Kollision mit anderen Dingen *im Flug* aushalten. Hab ich erst kürzlich selbst gesehen an einem Teich, wo eine Libelle waghalsig zwischen massiven Schilfblättern gelandet und gestartet ist, jedesmal hat sie mächtig mit den Flügeln angestossen an den Schilfblättern. Jeder Helikopter wäre sofort in tausend Teile zerschellt, die Libelle tritt einfach aufs Gaspedal und zieht da raus. Respekt.
Oktober 3, 2006 um 4:38 Uhr nachmittags
Vielleicht sind die Flügel durchsichtig, weil sie in der Luft dann nicht so leicht von Beuteinsekten entdeckt werden?
Das wäre dann noch eine weitere “Funktion” des Libellenflügels. Das ist bei Lebewesen so krass, wie viele Probleme zugleich von einem einzigen Organ berücksichtigt werden.
Oktober 18, 2006 um 12:48 Uhr vormittags
Ich hab noch was super-cooles gefunden, hier:
http://view.stern.de/fc/keyword/4398/?pos=15&order=InsertDate
Das ist eine Zusammenstellung von Libellenbildern. Bin ich per Zufall drauf gestossen, als ich nach was anderem als Bild gesucht hatte.
Da sieht man auch schön, dass die Libelle selbst mit demoliertem Flügel noch voll flugfähig ist. Einen Helikopter würde in dem Zustand wohl niemand starten lassen.
Gruss, Helge
Oktober 26, 2006 um 10:34 Uhr vormittags
Noch was interessantes bei heise.de: http://www.heise.de/newsticker/meldung/80038
Oktober 4, 2007 um 10:43 Uhr vormittags
Wenn eine Libelle einen oder gar zwei Flügel
verliert, kann sie trotzdem noch fliegen?
Oktober 4, 2007 um 3:03 Uhr nachmittags
Der Libellenflug und die hohe Manövrierfähigkeit von Libellen beruht auf dem Zusammenspiel beider Flügelpaare. Deshalb schätze ich, dass eine Libelle, die einen Flügel verliert nicht wirklich in der Lage ist, ein verbleibendes Flügelpaar vernünftig anzusteuern. Wenn dann außerdem noch der verbleibende Flügel des anderen Flügelpaars mitmacht, wird es noch komplizierter.
Das ist allerdings nur eine Vermutung. Vielleicht ist eine Libelle mit nur einem Flügelpaar auch einfach nur nicht mehr so manövrierfähig und schnell…
Am besten mal jemanden anschreiben und fragen, der sich mit der Flügelbewegung der Libellen eingehender befasst. Vielleicht finden sich auch unter den Links auf http://www.tu-ilmenau.de/fakmb/Der-Insektenflug.3997.0.html weitere Informationen.
Oder selber Beobachtungen machen (aus Tierschutzgründen besser keine Experimente).
Viele Grüße,
Julian