Protest gegen den G8-Gipfel in Rostock
Heute war ich in Rostock beim Protest gegen den G8-Gipfel oder zumindest gegen die derzeitige Ausrichtung des G8-Gipfels. Der Bus, mit dem ich dort war, verließ Rostock schon um ca. 19 Uhr. Deshalb habe ich von jenem G8-Protest, der bald überall in den Medien sein wird, wenig mitbekommen. Was ich miterlebt habe, war die großteils friedliche Demonstration bis 18 Uhr. Am Rande der Hauptkundgebung am Rostocker Hafen gab es wohl Auseinandersetzungen zwischen Polizei und gewaltbereiten Demonstranten, aber es schien die ganze Zeit so, als könnten diese sich beruhigen. Erst als wir schon auf dem Rückweg zum Bus waren, kam ein Feuerwehrtrupp angerückt und über dem Hafen waren Rauchschwaden zu sehen. Doch ich will lieber von dem Protest erzählen, den ich mitverfolgen konnte:
Auch der war für mich ambivalent. Schon auf dem Weg vom Bus zur Anfangskundgebung wurden mir reichlich Flyer kommunistischer, antikapitalistischer und revolutionärer Bewegungen in die Hände gedrückt. Während der Protestzug sich formierte, erlebte ich mit, wie eine Gruppe, die gegen Lager, Abschiebung und Europas Schutzwälle demonstrierte, eine kleine Gruppe der Grünen mit “Kriegstreiber”- und “Abschieber”-Rufen niederschrie und so aus der Demonstration verjagte. Irgendwie ein komisches Gefühl, dass die Bandbreite für Meinungsfreiheit nur so schmal ist. Ich bin eigentlich nur gekommen, weil ich für eine gerechtere Welt bin - wie das geht weiß ich noch nicht. Mit der ganz linken bis kommunistischen Position kann ich mich nicht identifizieren. Manche mögen zwar anderes behaupten: Aber das wurde doch schon ausprobiert und war nicht so der Burner. Und in der Demo wird auch schon wieder sichtbar, was wir zuletzt aus Venezuela gehört haben, wo die Regierung Chavez unliebsame Meinungen einfach stumm gemacht hat - dort indem die Sender ausgeschaltet werden, hier indem die Leute niedergebrüllt werden. Ich mag Gerechtigkeit, aber ich mag halt auch Meinungsfreiheit - es muss viele verschiedene Meinungen geben dürfen. Deshalb bin ich Demokrat und glaube eher nicht, dass der ganze Bundestag einer neoliberalen Verschwörung angehört, die die Mittelschicht und die Schwachen fertig machen will. Wahrscheinlicher scheint mir, dass die Schwierigkeiten tatsächlich mit der Komplexität der Lage zu tun haben, mit etwas zu wenig Mut und mit etwas zu viel Wirtschaftslobbyismus. Irgendwie habe ich bei der G8-Demo zu viel von diesem alten Klassenkampfvokabular gehört und habe doch den Eindruck, dass die Probleme neu sind und deshalb auch neue Lösungen dafür gefunden werden müssen.
Vielleicht muss es ja gar keine kommunistische Revolution sein? Wir haben doch alles in der Hand! Wer sagt uns denn, dass wir nicht unseren wahllosen Konsum durch geschickte Auswahl fair und nachhaltig produzierter Produkte ersetzen dürfen? Wer hat behauptet, dass wir nicht hingehen dürfen und Unternehmen starten, die menschenfreundlich produzieren? Hat irgendjemand gesagt, dass wir uns nicht um Flüchtlinge kümmern dürfen? Hat man uns verboten eine offene und gastfreundliche Gesellschaft zu leben? Warum nehmen wir den öffentlichen Raum nicht in Besitz, beleben ihn und gestalten ihn kreativ und schön? Großteils ist das doch erlaubt und an manchen Stellen wird der Wall brechen, sobald wir anfangen das so zu gestalten.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns an Nebensachen aufhängen, dass wir aus Gerechtigkeit ein Egoding gemacht haben und uns in den Gedanken verliebt haben, dass ein böser Staat uns gewaltsam aufhalten will. Wir suchen ja fast schon nach Polizei, die uns entgegentritt - dabei müssten wir nur den Blick etwas heben und das tun, was uns möglich ist. Demonstration gehört da schon auch dazu, aber das Spannendste ist der Alltag.
Juni 3, 2007 um 1:39 Uhr nachmittags
[...] Hier eine friedliche Schilderung der Ereignisse. Hier noch ein seltsam ruhiger Text. Dagegen nüchtern und sachlich beschreibt ein rebellischer Blogger den Ablauf (Link): warum die polizei diese massive eskalation zu so frühem zeitpunkt gesucht hat und ausgerechnet die abschlusskundgebung angriff bleibt momentan unklar. [...]
Juni 3, 2007 um 9:23 Uhr nachmittags
Danke für die Verlinkung!
Wer weitere Aspekte zum Demoverlauf herausfinden will, dem sei die im vorherigen Kommentar verlinkte Sammlung von Augenzeugenberichten empfohlen.
Es muss tatsächlich wohl schon bei Ankunft der zwei Demonstrationszüge am Rostocker Hafen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und gewaltbereiten Demonstanten gegeben haben. Da ich jedoch in der Demonstration war, die von den Busankunftsplätzen zum Hafen lief, habe ich davon nicht viel mitbekommen. Die Auseinandersetzungen brachen scheinbar am anderen Demonstrationszug aus und beschränkten sich bei der Hauptkundgebung bis 18 Uhr auf den Rand des Platzes.