Archiv für August 2007

Diskussionen unter Theologen

August 19, 2007

Bereits 1929 in Barcelona predigte Bonhoeffer, dass es nicht um allgemeine ethische Prinzipien gehe, sondern darum unter Gottes Augen verantwortlich zu handeln. Folgender Satz klingt mit dem Wissen um Bonhoeffers spätere Beteiligung am Widerstand fast wie ein Vorgriff:

Es gibt keine an sich schlechten Handlungen, auch der Mord kann geheiligt werden, es gibt nur ein Treubleiben oder ein Abweichen von Gottes Willen, es gibt eben kein Gesetz im eigentlichen Sinne, sondern nur das Gesetz der Freiheit, d.h. seine Verantwortung allein zu tragen vor Gott und sich selbst.

Die Theologie Karl Barths war für Bonhoeffer schon im Theologiestudium sehr prägend gewesen. 1931 traf er nach einem Stipendium in den USA nun zum ersten mal persönlich auf diesen und hatte Gelegenheit mit Barth über das Thema Ethik zu diskutieren. In einem Brief an Erwin Sutz, einen Freund, schreibt er von dieser Diskussion:

Er wollte mir nicht zugeben, wovon ich erwartete er müsste. Es gäbe doch außer dem einen großen Licht in der Nacht auch noch viele kleine Lichterchen, sogenannte „relative ethische Kriterien“, deren Sinn und Recht und Wesen er mir aber doch nicht verständlich machen konnte, es blieb beim reinen Hinweis auf die Bibel. Zuletzt meinte er, ich mache aus der Gnade ein Prinzip und schlage damit alles andere tot. Ich bestreite ihm natürlich das erste und möchte doch wissen, warum das andere alles nicht totgeschlagen werden soll. … Schließlich ging ich nach schwerem Entschluß nach Haus. Da ist wirklich einer, von dem man was holen könnte, und da sitzt man in dem ärmlichen Berlin und bläst Trübsal, weil niemand da ist, bei dem man Theologie lernen könnte.

Bonhoeffer in den USA

August 19, 2007

Von September 1930 bis Juni 1931 verbrachte Bonhoeffer ein Auslandsjahr in den USA. Sein Biograph Ferdinand Schlingensiepen schreibt dazu:

In die USA zog es damals die Avantgarde der deutschen Studenten, und das nicht, weil es – wie nach dem zweiten Weltkrieg – opportun gewesen wäre, sondern weil sie die aufstrebende Weltmacht mit ihren großen Möglichkeiten und ihren fast noch größeren Problemen kennenlernen wollten. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zahlte die Überfahrt; in den USA gab es Stipendien. [...] Wenn Bonhoeffer freilich 1930 zwischen einem Stipendium für die USA oder einem für Indien hätte wählen können, er hätte sich ohne zu zögern für Indien entschieden, ein Reiseziel, das ihm zuerst seine Großmutter nahegelegt hatte. Indien war kein christianisiertes Land. Dort lebten die Leute nach anderen Gesetzen und einer völlig anderen Philosophie als in Europa oder den USA. Bonhoeffer war, wie Barth und seine Schüler, der Auffassung Religion sei der vom Menschen selbst gewählte und darum vergebliche Weg, zu Gott zu kommen. Der christliche Glaube war darum für ihn geradezu der Gegensatz zu allen Religionen; denn nur in Christus könne der Mensch Gott begegnen. Man könnte das borniert nennen, weil es so scheint, als würden hier die Gedanken anderer nicht ernstgenommen. Aber derselbe Bonhoeffer sagt, es komme alles darauf an, von den anderen zu lernen. Er sah die Fehler der westlichen Zivilisation viel zu deutlich, um einem christlichen Fundamentalismus das Wort reden zu können. Auf keinen Fall wollte er über andere Religionen reden wie der Blinde von der Farbe.

In den USA studierte Bonhoeffer am Union Theological Seminary. Dort lernte er Erwin Sutz, Paul Lehmann, Jean Lasserre und Frank Fisher kennen – Freunde, die sein Leben beeinflussten. Auch sehr prägend war für Bonhoeffer seine Zugehörigkeit zur „Abyssinian Baptist Church“, einer Gemeinde der Schwarzen, bei denen er „eine große religiöse Kraft und Urprünglichkeit“ entdeckte. Mit Jean Lasserre unternahm er auch eine Reise nach Mexiko, ein Jahr später schrieb er:

Vor einem Jahr mit Lasserre in Mexiko! Ich kann das kaum denken, ohne dass es mich wie irrsinnig wieder herauszieht, diesmal nach dem Osten. Ich weiß noch nicht, wann. Aber sehr lange darf es nicht mehr dauern. Es muss noch andere Menschen auf der Erde geben, solche, die mehr wissen und können als wir. Und es ist einfach banausenhaft, dann nicht auch dorthin lernen zu gehen. Die Nazis sind diese Menschen jedenfalls nicht und unsere Kommunisten, so wie ich sie im vergangenen Winter etwas näher kennengelernt habe, auch nicht.

Angesichts solcher Worte, bin ich ganz froh über die Möglichkeit während meines Auslandssemesters nach Indien zu fahren und von jenen Menschen zu lernen, z.B. wie Straßenverkehr ohne lästige Regeln funktioniert. Somit hoffe ich euch ab dem 6. September auf diesem Blog aus Bangalore berichten zu können.

Lieben und sterben

August 4, 2007

Von Februar 1928 bis Februar 1929 war Dietrich Bonhoeffer als Pfarrvikar (im Alter von 23 Jahren) in der deutschen Auslandsgemeinde in Barcelona. Von einer Begebenheit während dieser Zeit berichtete er 1928 in einem Brief an Walter Dreß, den Verlobten seiner jüngsten Schwester:

Morgens um 11 Uhr klopft es, und es kommt ein 10jähriger Junge in mein Zimmer. … Ich merke, daß mit dem Jungen … irgendetwas los ist: und schon kommts: er bricht in Tränen aus ganz wild, und ich höre nur noch die Worte: „Der Herr Wolf ist tot.“ Er weint und weint. „Ja, wer ist denn der Herr Wolf?“ Das ist ein junger Schäferhund, der seit 8 Tagen krank war und nun vor einer halben Stunde gestorben ist. Also, er ist untröstlich, setzt sich auf mein Knie und kann kaum Fassung finden; und er erzählt mir dann, wie er gestorben sei und daß nun alles aus sei. … So erzählt er mir eine ganze Weile. Dann ist er plötzlich still mit seinem herzzerreißenden Weinen und sagt: „aber ich weiß ja, der ist ja gar nicht tot.“ „Wie meinst du das denn?“ „Ja, dessen Geist ist doch jetzt im Himmel und freut sich da. In der Klasse hat mal einer die Religionslehrerin gefragt, wie es im Himmel sei, und da hat sie gesagt, sie wäre noch nie dagewesen. Sagen sie mir doch jetzt: werde ich den Herrn Wolf mal wiedersehen? Der ist doch ganz gewiß im Himmel.“

Da stand ich da und sollte antworten: ja oder nein. „Das wissen wir nicht“, hätte „nein“ bedeutet. Da war einer, der Bescheid wissen wollte, und das ist immer bös. Da sagte ich ihm denn kurz entschlossen: „Sieh mal, Gott hat den Menschen gemacht und auch die Tiere und hat die Tiere gewiß auch lieb; und ich glaube, es ist bei Gott so, dass sich alles, was sich lieb gehabt hat auf der Erde, wirklich lieb gehabt hat, daß das auch bei Gott zusammen bleibt, denn liebhaben ist ein Stück von Gott. Wie das geschieht, wissen wir freilich nicht.“ – Nun hättest du das glückliche Gesicht von dem Jungen sehen sollen; er hatte ganz aufgehört zu weinen. „Dann sehe ich also den Herrn Wolf wieder, wenn ich auch tot bin; dann können wir wieder spielen“ kurz, er war überglücklich. Ich sagte ihm noch ein paarmal, wie das zuginge, das wüßten wir nicht. Er aber wußte es. …

Nach ein paar Minuten sagte er: „ich habe heute schon so auf Adam und Eva geschimpft; wenn die den Apfel nicht gegessen hätten, wäre der Herr Wolf nicht gestorben.“ – Die ganze Sache war dem Kind so ernst wie unsereinem, wenn etwas ganz Hartes geschieht. Aber ich bin geradezu überrascht – ergriffen von der Naivität der Frömmigkeit, die in einem sonst ganz wilden Jungen … in solchem Augenblick wach wird. Da steht man, der man „Bescheid wissen“ soll, ganz klein daneben; und ich muß immer noch an das zuversichtliche Gesicht denken, mit dem er fortging.

Dietrich Bonhoeffer…

August 4, 2007

…ist einer, von dem man auch heute noch viel lernen kann. Ich würde schreiben „Vorbild“, wenn er sich nicht in ein anderes Licht gerückt hätte. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Jedenfalls habe ich im Frühjahr dieses Jahres eine von Ferdinand Schlingensiepen verfasste Biographie Dietrich Bonhoeffers gelesen. Besonders lebendig ist diese Biographie dadurch, dass sie mit Zitaten von Bonhoeffer und anderen durchsetzt ist. Es ist herausfordernd zu erahnen, wie Bonhoeffers Theologie sich in seinem Umfeld und seiner Situation entwickelte und sich darauf auswirkte. Ein paar Zitate  von ihm und wenn möglich auch Informationen zum Kontext der Zitate möchte ich in der nächsten Zeit bloggen.

Allen, die an Bonhoeffer interessiert sind, kann ich definitiv empfehlen diese Biographie zu lesen.