Archiv für September 2007

Koloniale Ballspiele und subtropische Krankheiten

September 26, 2007

Mich hat es erwischt, im TV-Raum unseres Student Hostels habe ich mir eine subtropische Krankheit eingefangen: Cricketfieber. Es wird übertragen durch die ansteckende Begeisterung der Betroffenen. Die Durchseuchung würde ich unter den Studenten des IISc auf ca.98% einschätzen. Symptome sind im ersten Stadium der Krankheit: Unausgeschlafenheit, zwanghafte Besuche des Fernsehraumes während Cricketspielen, Unruhe und starke Gefühlsschwankungen. Im fortgeschrittenen Stadiumtritt tendieren die Erkrankten dazu Plätze ab einer Größe über 30 m² als Cricketplätze zu missbrauchen, dort werden sie dann regelmäßig mit Cricketschläger und Ball beobachtet, meist in Begleitung weiterer Betroffener. Außerdem ist in diesem Stadium der Krankheit Fachsimpelei ein häufiges Symptom. Dabei kann es durchaus zum Verständnis der überaus komplizierten Spielregeln kommen, die übrigens eine gewisse Ähnlichkeit zum Baseball aufweisen. Cricketfieber ist hochinfektiös, eine Impfung ist noch nicht vorhanden, das liegt auch an der großen Spannung dieses Spiels, die gewöhnlich über die gesamte Spieldauer erhalten bleibt. Bisher konnte ein Eindringen der Erreger aufgrund des Formates des Spieles noch verhindert werden – es dauerte im Normalfall einen, in der ursprünglichen Form sogar fünf Tage. Doch neuerdings ist eine Mutation des Erregers zu beobachten, die durch eine Spieldauer von ca. 3 Stunden auch durch Tröpfcheninfektion verbreitet wird.

Wer weiterliest, riskiert eventuell schon eine Ansteckung:

Am Montag war das Finale der World Twenty20 (die oben angesprochene Mutation des Spielmodus): Indien gegen Pakistan, Indien hatte vorher gegen einige sehr gute Mannschaften gewonnen, auch schon einmal knapp gegen Pakistan, dabei kam es zu einer Entscheidung durch Würfe auf die Wickets. Im Spiel gegen Australien hatte ein Spieler Indiens sogar sechs Sixies hintereinander geschlagen. Beim Finale hatte Indien nun im ersten Inning nur 157 Runs erzielt. Doch es gelang der Mannschaft, so viele pakistanische Batsman aus dem Spiel zu werfen, dass es in den letzten Minuten, um die Frage ging, ob Pakistan eher 6 Runs in 4 Würfen erzielen würde oder ob Indien einen der letzten Batsman aus dem Spiel werfen würde. Ratet mal wer gewonnen hat!
Die Spielregeln erspare ich den geneigten Lesern, dafür gibt es noch ein Foto aus unserem Fernsehraum.

Fernsehraum des Student Hostels während eines Cricketmatches

Was hier so kreucht, fleucht und wurzelt

September 15, 2007

Da Bengaluru in den Subtropen liegt, gibt es hier jede Menge Lebensformen, die mir in den Deutschland noch nie in einer Stadt – ausser vielleicht im staedtischen Tiergarten – begegnet sind. Ueberhaupt scheint mir der staedtische Artenreichtum hier wesentlich groesser als in europaeischen Staedten, was gewiss auch daran liegt, wie indische Staedte strukturiert und organisiert sind.

Als ich am Morgen meiner Ankunft am Strassenrand mein restliches Proviant verzehrte, flogen ueber der Strasse nicht nur Tauben, Kraehen und Nebelkraehen umher, sondern auch einige Adler kreisten ueber meinem Kopf (nein, keine Geier). Manchmal sieht man kleine Trupps Papageien. Sobald es abends daemmert, jagen Fledermaeuse und vermutlich Flughunde mit ueber 50 cm Fluegelspannweite nach Insekten.

Zwischen den Haeusern wachsen haeufig Kokospalmen. Die Inder verwerten fast alle Bestandteile dieser praktischen Pflanze – die Nuesse werden verzehrt und aus Nussschalen, Blaettern und Stamm werden Baumaterialien und Haushaltsartikel. Weitgefaecherte Mahagonibaeume spenden in den Hinterhoefen viel Schatten. Viele weitere Baumsorten wachsen in Parks und auf dem Campus auf dem ich seit Montag wohne, manche mit breiten Wurzeln, dickem Stamm und weiter Krone, einige Nadelbaeume und Palmensorten. Eine Baumsorte traegt gerade feuerrote Blueten.

Natuerlich habe ich auch schon vereinzelt heilige Kuehe gesehen. Sie waren allerdings am Strassenrand angebunden, und nicht am Strassenverkehr beteiligt. Ein anderes Saeugetier hat sich mir jedoch wegen seiner Omnipraesenz bisher wesentlich mehr ins Bewusstsein gedraengt. Fast auf jedem Baum sieht man es umherklettern: Das Streifenhoernchen. Und falls man gerade keines sieht, so hoert man bestimmt irgendwo das Geschrei dieser Tiere, das ein bisschen an den Warnruf einer Amsel erinnert.

Natuerlich gibt es auch Lebewesen, die in die Haeuser vordringen: Zuerst sind da Ameisen verschiedenster Groesse zu nennen. Dann natuerlich Moskitos, vereinzelt Kakerlaken – beides haelt sich hier in Bangalore wegen des angenehmen Klimas und der Sauberkeit im Inneren vieler Haeuser im Rahmen. Und dann gibt es noch einen erfreulichen Gast und zwar eine Sorte an der Wand kletternder Eidechsen, die vermutlich einiges an Insekten verzehrt.

Soviel vorerst zur Fauna und Flora, wahrscheinlich werde ich diesen Beitrag nach und nach noch ein bisschen erweitern und mit ein paar Fotos ergaenzen.

Metro-India und mehr

September 13, 2007

Bangalore ist eine der grossen indischen Metropolen – mit 5-8 Mio Einwohnern die fuenftgroesste Stadt in Indien. Letzte Woche habe ich durch Jinu, einen Mitarbeiter des CCCYC eine kleine Einfuehrung in die Stadt erhalten:

Waehrend wir auf der Rueckbank einer Motorrikscha durch den chaotischen hupenden Verkehr aus Motorrikschas, Mopeds, Autos und Bussen fahren, erklaert er mir, dass es zwei verschiedene Indien gibt: Das „rural India“, in dem die Tradition sehr praegend ist, das Kastensystem gilt und die Rolle der Frau aufs Haus beschränkt ist, und das „urban/metro India“: Hier hat die Mittelschicht die Macht, sie arbeitet in IT-Firmen oder einem der vielen Call-Center in Bangalore, Inder aus verschiedenen Teilen des Landes und Leute aus aller Welt treffen aufeinander, hier vermengen sich in einer Stadt verschiedene Kulturen und Lebensstile. Jinu ist selbst relativ neu in der Stadt, arbeitet beim CCCYC an seiner Doktorarbeit ueber „Genderstudies in southasian societies“, hat Fouccault, Nietzsche und auch Hitlers „Mein Kampf“ gelesen – in der Schule, wegen der These, dass Hitler den zweiten Weltkrieg angefangen hat.

Inzwischen sind wir am botanischen Garten „Lal Bagh“ angekommen. Wir spazieren im Schatten weitgefächerte Mahagonibäume entlang. Ein Teich ist mit Lotusblumen bewachsen. Auf die Frage, ob die Kokosnusspalmen gefährlich sind, wenn die Kokosnüsse reif sind, erzählt mir Jinu einen indischen Witz: „The Coconuttree won’t betray anybody, but the coconut sometimes will.“ Ein warmer aber angenehmer Tag. Der Park ist wie eine Oase im Lärm der Stadt. Menschen sitzen auf Parkbänken und lesen. Pärchen haben sich hierher vor der konservativen indischen Öffentlichkeit, in der wenig Platz für Zärtlichkeiten wie Händchenhalten ist, zurückgezogen. Anders ist das unter Kumpels: Uns begegnen einige Freundescliquen Hand in Hand. Jinu erzählt mir viel über die verschiedenen Pflanzen des Parks, aber auch über Metroindia. Er fragt, wie wir Deutschen zum dritten Reich stehen und erzählt von einer Diskussion beim Weltsozialforum, wo es um die Frage ging, ob ein neuer Weltkrieg ähnlich beginnen würde. Die indischen Teilnehmer waren sich ziemlich sicher, dass ein neuer Weltkrieg eher mit Wasser zu tun hätte.

Später sitzen wir noch in einem Café in der Mahatma Gandhi Road (MG Road) und trinken typischen indischen Tee mit viel Milch und Zucker. Hier läuft westliche Musik, überhaupt ist an der MG-Road ziemlich viel los, besonders an den Wochenenden trifft sich hier das junge urban India.

 

Bengaluru – Bangalore

September 6, 2007

 Seit heute morgen um 4:20 Uhr (Indian Standard Time, Sommer MEZ + 3,5 h) bin ich in Bangalore. Aus dieser Stadt werde ich in naechster Zeit bloggen und erzaehlen, was ich hier erlebe:

Beim Verlassen der klimatisierten Flugzeugatmosphaere schlaegt mir kuehle aber feuchte Luft mit einem frischen Wind entgegen. Passportkontrolle, Warten aufs Gepaeck, Zoll, Geld wechseln. Dann verlasse ich den Flughafen. Sofort folgen mir ein paar Taxi- und Rikschafahrer und Geschaeftsleute. Trotz der fruehen Stunde ist am Flughafen schon viel los. Vor dem Terminal waelzt sich eine hupende Autoschlange entlang. Schliesslich folge ich einem Taxijungen. Doch als er seine Preistabelle zeigt, verlasse ich kurzentschlossen das Fahrzeug: 750 Rupies (ueber 12 Euro will er fuer die Passage). Sofort bin ich wieder von einer Traube Rikschafahre umgeben. Fuer 150 Rupien bringt mich einer durch hupenden Linksverkehr zu meinem Ziel. Die Nebenstrasse ist noch nicht wirklich erwacht. Ein streunender Hund blickt mir entgegen. Vor einigen Haeusern stehen Pfoertner oder Wachpersonal – dreistoeckige Haeuser teils etwas heruntergekommen, ein paar Bankprunkbauten. Ich weiss zwar eine Hausnummer doch das ist gar nicht so einfach – benachbarte Haeuser haben nicht unbedingt aufeinanderfolgende Nummern. Es ist noch vor sieben, ich spaziere daher noch ein wenig umher. Vor der Baustelle eines protzigen ueberdimensionierten Bankhochhauses kehren ein paar Jungendliche den Boden mit Reisigbesen. Langsam erwacht das Viertel. Schliesslich finde ich mein Ziel: „The Churches’ Council for Child and Youth Care“ steht gross an dem Tor. Der Junge, der die Pforte bewacht laesst mich ein. Hier werde ich meine ersten Tage verbringen.