In Aurangabad steige ich in einem zwielichtigen Hotel ab, mit Bar im Erdgeschoss – indische Bars und „Permit Rooms“ (weil man eine Permit fuer den Alkoholausschank braucht) sind meistens recht duester, irgendwie scheinen die Leute zu denken, dass das so sein muss. Im Laufe des Abends setzte ich in meinem Zimmer auch noch eine grosse Kakerlake unter einem Eimer gefangen. Dennoch bin ich an diesem Abend einfach nur froh noch einen Raum gefunden zu haben. Ich gehe in einem kleinen Punjabi-style Restaurant nahe des Bahnhofes essen, erst nach einiger Zeit bemerke ich das elektronische Mantra („Ooommm“ und noch etwas mehr Text) das aus der Ecke des Restaurants von einem Bild einer indischen Gottheit toent – solche Bilder und Statuen gibt es in Indien ueberall, in Bussen, Rickshaws, Einkaufslaeden, Marktstaenden – meist in Verbindung mit einem kleinen Altar, wo morgends Weihrauch und aehnliches als „Pooja“ (Opfer) fuer die jeweilige Gottheit dargebracht wird. Das elektronische Mantra lenkt mich wegen meines grossen Hungers nur geringfuegig von dem extrem fettigen Essen ab und erinnert mich irgendwie an den elektronischen Moench eine Idee, die Pickaboo mal geaeussert hatte.
Am naechsten Tag geht es mit dem Bus direkt nach Ellora. Dort sind in massive Felsen an einem Hang tiefe Hoehlen geschlagen. Begonnen wurde dieses Projekt von buddhistischen Moenchen und jeder Menge Handwerker, sie haben hier ungefaehr 10 Hoehlen hinterlassen, manche mehrstoeckig mit einem Vorhof. Eine Hoehle erinnert an eine Kathedrale, das wenige Licht das hineinfaellt verteilt sich geheimnisvoll schoen auf den Felsen, im Gewoelbe und an den Saeulen, im hinteren Zentrum der laenglichen Halle sitzt eine grosse Buddhastatue. Spannend sich das Leben in den Hoehlen vorzustellen, da sind Moenchszellen und Schulhallen und bestimmt gingen Handwerker und Haendler ein und aus. Weitere Hoehlen wurden spaeter im Auftrag hinduistischer Herrscher umfunktioniert oder hinzugefuegt – hier sind Buddhastatuen durch Bilder der hinduistischen Gottheiten ersetzt, wieder teils mehrstoeckige Kloster. Am beeindruckendsten ist aber ein Tempel. Eigentlichist er keine Hoehle, da er von oben nach unten aus dem Felsen herausgearbeitet wurde – mit Innenraeumen und Statuen. Wenn man in der hinteren Ecke des Hofes steht und nach oben sieht, kann man bestimmt 30m Felswand sehen - so tief haben sich die Steinmetze nach unten in den Felsen gearbeitet. Schon eine krasse Vorstellung, dass da ein paar Bauarbeiter, Handwerker und Baumeister auf einem Felsen stehen und dann sagen sie: „Okay, fangen wir es an.“ Und nach vier Generationen ist das Meisterwerk fertig. Die Hoehlen sind anscheinend auch ein Ausdruck dessen, welche Kultur vorherrschend war: Nach einigen Jahrhunderten in denen sich der Buddhismus weit in Indien verbreitet hatte, gewann der Hinduismus mit seinem Kastensystem wahrscheinlich getragen durch die hoeheren Schichten wieder groessere Bedeutung.
Am Abend fahre ich mit Bussen nach Jalgaon, dort bin ich im Elternhaus eines Mitstudenten aus Bangalore zu Gast. Seine Mutter tischt ein ganzes Menue als Dinner auf. Der Vater arbeitet als Medizinzusteller fuer Notfaelle, ist gerade auf Reise und kommt nach Nachtfahrt erst am Morgen zum Fruehstueck an, die Mutter ist Haushaltslehrerin. Der Familie scheint es gut zu gehen, sie beschaeftigen noch eine Haushaltshilfe. Das scheint auch fuer die Haushaltshilfe ein Gluecksfall zu sein – sie kommt aus armen Verhaeltnissen und hat keine Schule besucht. Obwohl es schwer zu ertragen ist, muss ich letztlich akzeptieren im Bett zu schlafen, die Mutter und die Haushaltshilfe uebernachten auf Matten in einem Vorraum – indische Gastfreundschaft. Als ich morgends aufbreche, bringen mich der Vater und ein Freund meines Studienkollegen mit Auto und Motorradeskorte (allerdings nur weil sie sich danach getrennt zu ihren Arbeitsplaetzen aufmachen) zum Bahnhof. Derweil macht sich die Stadt gerade bereit fuer den Besuch von…
… Ms President Pratibha Patil. Jalgaon ist ihre Heimatstadt, sie geniesst hier breite Zustimmung. Doch diesmal komme ich ungeschoren davon und kann ganz ungestoert meines Weges ziehen. Ueber Ahmedabad geht es mit dem Zug in Richtung Jodhpur im Wuestenstaat Rajasthan.