Neues Jahr…

Januar 3, 2008 von blogomotivführer

Meinen aufrichtigen und geneigten Leserinnen und Lesern wünsche ich hiermit ein frohes neues Jahr. Auf Kannada, der Sprache des indischen Bundesstaates Karnataka, heißt das „Hosa varshada shubha ashaya galu!“ und auf Hindi „Naya saal mubarak ho!“. Auch hier wird das neue Jahr mit Böllern und Feuerwerk begrüßt – im Verhältnis zu dem, was hier an Diwali abging, war es aber eher ein wenig dürftig. Ansonsten war ich an Silvester noch mit Labkollegen in einem gediegenen Restaurant und danach hatten wir ein Lagerfeuer im Hof des Departments. Angestoßen wurde mit frischgepresstem Melonensaft.

„German“ in Indien

Dezember 16, 2007 von blogomotivführer

Wenn man in Indien auf die Frage: „Where are you from?“ ‘Germany’ antwortet, bekommt man ganz verschiedene Assoziationen zu hören. Viele Leute fragen dann zum Beispiel ziemlich schnell, was man von ‘Hitler’ halte, weniger oft aber immerhin bei manchen politisch Interessierten wird ‘Angela Merkel’ erwähnt. Unter den Maschinenbauern bekommt natürlich auch oft etwas über die deutsche Automobilindustrie zu hören. Außerdem gibt es natürlich noch die Fußballinteressierten, die kennen zumeist Bayern Munich und einige Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Einige Leute haben auch schon ein bisschen Deutsch in einem Deutschkurs gelernt und nach einigem Nachfragen kann man das „Guten Tag“ aus ihren Worten heraushören.

Die nächste Frage ist dann oft „Where in Germany?“ oder manchmal „Eastern or Western Germany?“. Da bin ich dann oft als Badner gezwungen „near Stuttgart“ oder als Bremer „near Hamburg“ zu sagen, zumindest die etwas mehr Fußballinteressierten wissen aber dann doch von Bremen…

Besuch von Rebellen

Dezember 9, 2007 von blogomotivführer

Einige Studenten hier auf dem Campus kommen aus einer Region im Nordosten Indiens, wo sich viele Leute nicht als Inder fühlen und Rebellen die Abspaltung von Indien betreiben. Einer meinte neulich, dass er deshalb gewöhnlich nur für wenige Wochen Heimaturlaub macht, obwohl die Zugfahrt vier Tage dauert für eine Strecke.

Er erzählte, dass es vorkommen kann, dass nachts eine Gruppe Bewaffneter Männer vor der Tür steht, die während sie von einem Familienvater ein Quartier für die Nacht verlangen, beiläufig die Läufe ihrer Waffen in Richtung der Kinder zeigen lassen. In diesen Nächten schläft die Familie nicht, denn die Soldaten der Rebellenorganisation haben meistens noch nicht gegessen.

Am nächsten Tag verschwinden die Rebellen meist wieder – Erleichterung. Doch meist gibt es dann ein paar Tage später in der Nähe des Ortes einen Bombenanschlag auf einen Konvoi oder eine Einrichtung des indischen Militärs oder der Verwaltung. Dann macht die indische Polizei Untersuchungen und irgendein Nachbar hat mitbekommen, dass Rebellen zu ‘Gast’ waren und man bekommt Probleme mit der indischen Polizei.

Früher hatte die Rebellenorganisation ihre Lager in Bangladesh oder anderen Nachbarstaaten inzwischen haben sie auch Lager in der Region im Nordosten. Viele ärmere Leute sind auf Seiten der Rebellen – eine friedliche zivile Organisation hat da schlechte Chancen. Und so geraten einige zwischen die Fronten. Die Organisation verbietet Hindi zu sprechen und wenn man Emails an Freunde zu Hause schreibt, die Kritik an den Rebellen enthalten, ist man in Lebensgefahr, weil diese Emails möglicherweise unterwegs abgefangen werden oder jemand anderes sie liest.

Wer hier was bloggt

Dezember 2, 2007 von blogomotivführer

Hier auf dem Campus studieren und arbeiten auch eine Handvoll europäischer Studenten und ein Postdok. Und irgendwie fühlt man sich tatsächlich europäische, wenn man in Indien aufeinandertrifft… aber davor hatte man mich gewarnt. Zwei schreiben auch Weblog (auf deutsch) und da sie einiges spannendes zu berichten haben, möchte ich hiermit gerade mal auf ihre Blogs verweisen:

Bei Jandeska (gibt es detailgetreue Beobachtungen indischer Eigenheiten humorvoll verallgemeinert und gut zu lesen.

Tomaro schreibt auf seinem Bangalog über das hiesige Informatikstudentendasein und andere Skurrilitäten und beantwortet zum Beispiel die Frage, wie man hier einen Führerschein erwerben kann.

Außerdem schreibt auch ein paar Labkollegen Weblog, allerdings nicht über Indien, denn das sind sie ja gewohnt:

Unknown scratcher schreibt hin und wieder Nonsense or Sense (as you perceive) – Lieblingsthemen: Sport, Politik, Gedanken.

Einen weiteren Spannenden Blogverweis gibt es außerdem noch bei Tomaro…

Wie man hier so feiert…

November 19, 2007 von blogomotivführer

In Bangalore und wahrscheinlich überall in Indien wird viel gefeiert. In letzter Zeit war fast jede zweite oder dritte Woche ein Feiertag oder Fest.

Im September wurde Ganesh Chaturthi gefeiert. Ganesha ist der Gott mit dem Elefantenkopf. Der Mythologie nach ist er ein Sohn Shivas. In einem Streit schlug Shiva seinem Sohn den Kopf ab, befahl aber dann seinen Dienern den Kopf des nächstbesten Tieres heranzubringen und setzte ihm diesen auf den Rumpf. Bilder und Statuen von Ganesha sind hier in vielen Gegenden zu sehen. Zehn Tage lang wurde zu Ganesh Chaturthi an vielen Tempeln und Altären abends gemeinsam gegessen und Ganesha wurde mit Musik, Trommeln, Krachern und Zeremonien verehrt. Fast während des ganzen Septembers sah man immer wieder die typischen indischen Lastwagen mit Ganeshaaltären und johlenden Jugendlichen auf der Ladefläche umherfahren. Es ist ein Brauch, dass die Ganeshastatuen täglich verehrt werden müssen bis sie am Ende des Festes zu einem See gebracht werden und feierlich dem Wasser übergeben werden.

Saruswathi Altar in der Werkstatt unseres Departments

Ende Oktober und Anfang November kam dann Fest um Fest: Erst war Darsara, dazu gibt es verschiedene Legenden, die meisten erzählen davon, dass ein Gott oder eine Göttin einen Dämon besiegt hat und letztlich vom Sieg des Guten gegen das Böse. Wie an vielen Festen besteht Darsara aus mehreren Feiertagen, bei denen nacheinander verschiedene Gottheiten verehrt werden. An einem Tag wurden viele Autos geschmückt und in der Werkstatt unseres Departments alle Geräte mit drei weißen Strichen und einem roten Punkt als Segenszeichen bemalt, viele Türen wurden mit Palmenblättern verziert und ein Mandala davorgemalt. An diesem Tag wurde auch in vielen Departments eine Zeremonie abgehalten, bei der Saruswathi, die Göttin des Wissens, verehrt wird. Erst versammeln sich alle an einem Saruswathialtar, ein Saruswathipriester hält eine kleine Zeremonie ab, bei der er mit einem Gebetsglöckchen klingelt, Weihrauch anzündet und kleine Früchte, Blütenblätter oder Pflanzensamen als Opfer auf den Altar wirft, danach gehen auch Studenten und manche Professoren zum Altar, legen ihre Handflächen als Verehrungsgeste aneinander und werfen Blütenblätter, schließlich wird noch eine Melone auf der Türschwelle zerschmettert und die Stücke werden rechts und links neben die Tür gelegt, um die Göttin willkommen zu heißen und dann kriegt jeder ein Päckchen mit indischen Süßigkeiten.

Candlelightdinner in der B-Mess

Vorletztes Wochenende war nun Diwali. Es ist eines der wenigen Feste, die überall in Indien gefeiert werden und erstreckt sich über fünf Tage, an denen verschiedene Götter verehrt werden. Die Diwalibräuche erinnern ein bisschen an Weihnachten, am wichtigsten Tag werden überall auf den Tür und Fensterschwellen kleine Lichter angezündet und man schenkt Freunden Süßigkeiten. Abends gab es sogar in der Mensa ein Candlelightdinner. Die Legende sagt, dass der Gott Rama von einem Dämonen vertrieben worden war und erst nachdem er diesen besiegt hatte, in seine Hauptstadt zurückkehren konnte, bei seiner Rückkehr zündeten die Leute, weil es Dunkel war Öllampen an. Während der Diwalifesttage wird jeden Abend nach Einbruch der DunkelheitFeuerwerk entztündet und kräftig geböllert. Auch tagsüber hört man es immer wieder knallen. Da geht es natürlich schon ganz schön zur Sache, wenn in einer 6 Millionenstadt geböllert wird, zumal die Böller bestimmt nicht europäischen Normen entsprechen: Noch aus mehr als zehn Metern Entfernung spürt man die Druckwelle.

Feuerwerk auf dem Campussportplatz

Verloren und gefunden

November 1, 2007 von blogomotivführer

Im letzten Beitrag hatte ich erzählt, dass einem von uns europäischen Studenten bei der Darsaraprozession in Mysore der Geldbeutel gestohlen wurde. Letztes Wochenende habe ich dann auch noch im Bus in Bengaluru mein Handy verloren, vermutlich ist es mir aus der Tasche gerutscht. Als ich ausgestiegen war, der Bus gerade davonfuhr und ich wahrnahm, dass das Handy nicht mehr in meiner Hosentasche war, war ich mir absolut sicher, dass ich es nicht wiederbekommen würde. Ich war dann erstmal im Gottesdienst in der Bethel Fellowship Church. Ein Mann dort meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, er habe sein Handy schon dreimal verloren, jedesmal gebetet und es jedesmal wiederbekommen. Erst beim vierten Mal, war es dann wirklich weg…

Später habe ich dann versucht auf dem Handy anzurufen und unerwarteterweise meldete sich nach ein paar Versuchen der Finder. Er beschrieb uns seinen Standort (das Eingangstor einer Schule auf dem Airforcegelände in Yalahali) und wie wir dorthin kommen könnten. Mit Hilfe von zwei Freunden habe ich dann auch tatsächlich den Weg gefunden. Und als wir dort ankamen, kam uns einer der Guards entgegen – für fast jedes offizielle und viele private Gebäude gibt es hier uniformierte Sicherheitsleute, die den Eingang bewachen – fragte mich nach dem Ort des Verlustes, nach der Farbe des Handys und gab es mir zurück. Fast hätte man mich da vor Freude hüpfen sehen können…

Madikeri

Oktober 29, 2007 von blogomotivführer

Vorletzten Freitag und Samstag war ich zusammen mit ein paar anderen europäischen Studenten in Madikeri, einer Kleinstadt, die auf über 1100 m Höhe im Kaffeeanbaugebiet Coorg (Kodagu) liegt. Die Busfahrt von Mysore dauerte dreieinhalb Stunden und ging erst durch eine fruchtbare Landschaft mit Reisfeldern und Kokosnussplantagen, später über extrem holprige Straßen durch Wälder und Berge. Die letzten eineinhalb Stunden war also Festhalten angesagt. Immerhin haben wir unterwegs aber einige Waldabeiter mit Elefanten gesehen. Ziemlich erschöpft kommen wir schließlich in Madikeri an, die Stadt liegt zwischen und auf bewaldeten, sehr grünen Bergen. In der Monsunzeit ist es hier feucht, nebelig und recht kühl. Teilweise hängen Wolken in den Tälern. Alles wirkt ein bisschen gedämpft. Auch die indische Musik – irgendetwas zwischen Folklore und Techno, die anlässlich des Darsarafestes an jeder Straßenecke aus Lautsprechern tönt. Wir übernachten in einem Touristhome, die Zimmer sind zwar etwas modrig, aber sonst ganz okay.

Berglandschaft in Coorg

Am nächsten Morgen ist Wandern dran. Unser Ziel sind die Abbi Falls, ca. 20 m hohe Wasserfälle 8 km von Madikeri. Zuerst geht es noch in der Stadt bergauf, Kinder rennen ein Stück mit und winken, fragen „Where are you from?“ und „What is your name?“. Außerhalb der Stadt fällt uns zuerst die Ruhe auf, in Bangalore ist es tagsüber eigentlich nie still. Aber dann werden wir auch schon wieder von einem hupenden Kleinbuskonvoy mit indischen Touristen überholt. Nach ca. zwei Stunden Fussmarsch nähern wir uns den Abbifalls, auf Schildern wird beiläufig erwähnt, dass hier jährlich ein paar Leute wegen der rutschigen Felsen ein unglückliches Ende fänden. Die Besichtigungsplattform ist dann aber am Fuß der Wasserfälle. Europäer und Inder lassen sich vor den Wasserfällen ablichten…

Am Sonntag sind wir dann über Mysore zurückgefahren und haben dort zusammen mit mehr als 5 Lakhs* Indern und einigen Touristen bei einem Umzug anlässlich des Darsarafestes zugeschaut, bei dem der Sieg des Guten gegen das Böse gefeiert wird. Aber zuerst mal sitzen alle miteinander bei sommerlichen Temperaturen am Straßenrand und warten. Just an der Stelle, wo auch wir uns niedergelassen haben, entbrennen immer wieder kleine Streitigkeiten, darüber ob die sitzende Menge, die noch nach Sitzplätzen suchenden Menschenmassen durchlässt oder nicht. Es wird keine alle zufriedenstellende Lösung gefunden und so drängt sich immer wieder für ein paar Minuten eine Menschenschlange durch die Sitzenden, die dann bei nächster Gelegenheit wieder die Lücken schließen. Die Auseinandersetzung verläuft im Großen und Ganzen gewaltlos, wenn auch nicht ohne lautes Schimpfen. Schließlich vertreiben die Polizisten alle übrigen Passanten von der Straße und nach weiterem Warten rennt erst ein verirrter Streunehund (unter Applaus) die Straße entlang, dann kommt schließlich die Parade: Verkleidete Leute, geschmückte Wagen, deren Aufbauten teils alte Legenden erzählen – ein bisschen erinnert mich das an Faschingsumzüge in Karlsruhe. Aber natürlich ist es ganz anders, denn am Umzug nehmen auch festlich geschmückte Elefanten, viele tanzende Schwertträger, der König von Karnataka und seine ergebensten Diener teil. Als die Parade zu Ende ist, wird einem von uns im Gewühle das Portemonaie gestohlen.

Nach einem anstrengenden Tag und viel Aufregung sind wir froh als wir schließlich im klimatisierten Volvobus (eine der Bussorten, die hier zwischen den Städten verkehren) nach Bangalore sitzen…

* so wird hier gezählt: 1 Lakh sind 100.000, 1 Crore sind 10.000.000

Meines Feindes Feind ist…

Oktober 10, 2007 von blogomotivführer

Als ich neulich vom Institut über den Campus nach Hause ging, kam ich an einem Rudel streunender Hunde vorbei, die sich um irgendetwas Erbeutetes stritten – zum Glück. Ich weiß ja nicht, was sie gemacht hätten, wenn sie nicht so beschäftigt gewesen wären.

Als ich letzten Sonntag mit dem Bus aus der City zurückkam, musste ich mal wieder die Kreuzung vorm Campushaupteingang überqueren. Ich stand also am Straßenrand und wartete auf eine Gelegenheit. Ein streunender Hund hatte scheinbar dasselbe Vorhaben . Die Ampel wird rot, die Flut der Motorrikschaws, Mopeds, Motorräder, Autos und Busse kommt zum stehen. Ich laufe los, bis zur Mitte der Straße, jetzt ist der Gegenverkehr dran. Aber lieber nicht warten, bis die Ampel für den Streifen auf dem ich gerade stehe wieder grün wird. Eine Lücke im Gegenverkehr, nichts wie los. Hoffentlich dreht der Streunehund nicht durch, wenn er mich rennen sieht. Aber ganz im Gegenteil, der hat die Lücke auch gesehen und rennt. Die andere Seite der Straße ist erreicht, der Hund wirkt auch erleichtert – noch nie war mir ein Streunehund so sympathisch.

Indian Institute of Science

Oktober 10, 2007 von blogomotivführer

Inzwischen bin ich schon mehr als einen Monat hier auf dem Campus, höchste Zeit mal etwas über meine Praktikumsstelle und meinen “Arbeitgeber” zu schreiben:

Das Indian Institute of Science ist Indiens renommierteste Universität im naturwissenschaftlich technischen Bereich. Daher musste ich mir auch schon gleich zu Anfang in Bengaluru die vorwurfsvolle Frage anhören, warum man das denn in Deutschland nicht kenne. Und tatsächlich wird hier ziemlich geklotzt: Das Institut bildet nur Master und Ph.D. Studenten aus, hat für fast alle mir bekannten technischen und naturwissenschaftlichen Fachbereiche (außer vielleicht Bionik) ein Department und in jedem Department mehrere Research Labs, die je von einem Professor geleitet werden, dessen Hauptauftrag Forschung ist. Da werden dann durchaus heiße Eisen der aktuellen Forschung angepackt – von der Automatisierung des Produktdesigns bis zur Entwicklung neuester Speicherbausteine für PC’s. Auch an der Ausrüstung wird nicht gespart. Und so hat das kleine Centre for Product Design and Manufacturing (CPDM) vom eigenen Werkstatthaus bis zum Rapid Prototyping alles, was das Designerherz begehrt. Dementsprechend ist dann auch der Research Output – da ist das IISc unter südasiatischen Instituten auf Platz eins.

An Motivation fehlt es ebenso nicht – die meisten Leute in meinem Lab sind zwischen morgens um 10 und 19 Uhr im Lab und nach dem Dinner wird auch manchmal noch ein paar Stunden gearbeitet – bis zwölf Uhr nachts. Allerdings nicht immer hocheffizient und hin und wieder unterbrochen von einer Teepause oder so.

Natürlich gibt es auch ein paar Schönheitsfehler, zum Beispiel, dass manchmal für ein paar Stunden der Strom ausfällt. Dann ist man eben gezwungen wieder mal eine Pause am Tea Board einzulegen…

Ich selbst bin im IdeasLab gelandet. Dort wird an Design Methoden geforscht. Und daher musste ich mich in den letzten Wochen erstmal ordentlich in die Konstruktionslehre einlesen. In meinem Projekt werde ich mich dann wohl mit der Schnittstelle zwischen biologischem Wissen und den Produktdesignern befassen. Bis jetzt wirkt das alles ganz spannend, jedoch auch ziemlich anspruchsvoll. Immerhin ist es kein absolutes Neuland, hat doch ein Ph.D.-Student in meinem Lab schon ein Programm entwickelt, das bei Beschreibung einer Funktion mit ein paar Analogien aus der Biologie aufwartet.

Für alle Wissbegierigen, verlinke ich schliesslich mal noch die homepage des IISc.

Koloniale Ballspiele und subtropische Krankheiten

September 26, 2007 von blogomotivführer

Mich hat es erwischt, im TV-Raum unseres Student Hostels habe ich mir eine subtropische Krankheit eingefangen: Cricketfieber. Es wird übertragen durch die ansteckende Begeisterung der Betroffenen. Die Durchseuchung würde ich unter den Studenten des IISc auf ca.98% einschätzen. Symptome sind im ersten Stadium der Krankheit: Unausgeschlafenheit, zwanghafte Besuche des Fernsehraumes während Cricketspielen, Unruhe und starke Gefühlsschwankungen. Im fortgeschrittenen Stadiumtritt tendieren die Erkrankten dazu Plätze ab einer Größe über 30 m² als Cricketplätze zu missbrauchen, dort werden sie dann regelmäßig mit Cricketschläger und Ball beobachtet, meist in Begleitung weiterer Betroffener. Außerdem ist in diesem Stadium der Krankheit Fachsimpelei ein häufiges Symptom. Dabei kann es durchaus zum Verständnis der überaus komplizierten Spielregeln kommen, die übrigens eine gewisse Ähnlichkeit zum Baseball aufweisen. Cricketfieber ist hochinfektiös, eine Impfung ist noch nicht vorhanden, das liegt auch an der großen Spannung dieses Spiels, die gewöhnlich über die gesamte Spieldauer erhalten bleibt. Bisher konnte ein Eindringen der Erreger aufgrund des Formates des Spieles noch verhindert werden – es dauerte im Normalfall einen, in der ursprünglichen Form sogar fünf Tage. Doch neuerdings ist eine Mutation des Erregers zu beobachten, die durch eine Spieldauer von ca. 3 Stunden auch durch Tröpfcheninfektion verbreitet wird.

Wer weiterliest, riskiert eventuell schon eine Ansteckung:

Am Montag war das Finale der World Twenty20 (die oben angesprochene Mutation des Spielmodus): Indien gegen Pakistan, Indien hatte vorher gegen einige sehr gute Mannschaften gewonnen, auch schon einmal knapp gegen Pakistan, dabei kam es zu einer Entscheidung durch Würfe auf die Wickets. Im Spiel gegen Australien hatte ein Spieler Indiens sogar sechs Sixies hintereinander geschlagen. Beim Finale hatte Indien nun im ersten Inning nur 157 Runs erzielt. Doch es gelang der Mannschaft, so viele pakistanische Batsman aus dem Spiel zu werfen, dass es in den letzten Minuten, um die Frage ging, ob Pakistan eher 6 Runs in 4 Würfen erzielen würde oder ob Indien einen der letzten Batsman aus dem Spiel werfen würde. Ratet mal wer gewonnen hat!
Die Spielregeln erspare ich den geneigten Lesern, dafür gibt es noch ein Foto aus unserem Fernsehraum.

Fernsehraum des Student Hostels während eines Cricketmatches

Was hier so kreucht, fleucht und wurzelt

September 15, 2007 von blogomotivführer

Da Bengaluru in den Subtropen liegt, gibt es hier jede Menge Lebensformen, die mir in den Deutschland noch nie in einer Stadt – ausser vielleicht im staedtischen Tiergarten – begegnet sind. Ueberhaupt scheint mir der staedtische Artenreichtum hier wesentlich groesser als in europaeischen Staedten, was gewiss auch daran liegt, wie indische Staedte strukturiert und organisiert sind.

Als ich am Morgen meiner Ankunft am Strassenrand mein restliches Proviant verzehrte, flogen ueber der Strasse nicht nur Tauben, Kraehen und Nebelkraehen umher, sondern auch einige Adler kreisten ueber meinem Kopf (nein, keine Geier). Manchmal sieht man kleine Trupps Papageien. Sobald es abends daemmert, jagen Fledermaeuse und vermutlich Flughunde mit ueber 50 cm Fluegelspannweite nach Insekten.

Zwischen den Haeusern wachsen haeufig Kokospalmen. Die Inder verwerten fast alle Bestandteile dieser praktischen Pflanze – die Nuesse werden verzehrt und aus Nussschalen, Blaettern und Stamm werden Baumaterialien und Haushaltsartikel. Weitgefaecherte Mahagonibaeume spenden in den Hinterhoefen viel Schatten. Viele weitere Baumsorten wachsen in Parks und auf dem Campus auf dem ich seit Montag wohne, manche mit breiten Wurzeln, dickem Stamm und weiter Krone, einige Nadelbaeume und Palmensorten. Eine Baumsorte traegt gerade feuerrote Blueten.

Natuerlich habe ich auch schon vereinzelt heilige Kuehe gesehen. Sie waren allerdings am Strassenrand angebunden, und nicht am Strassenverkehr beteiligt. Ein anderes Saeugetier hat sich mir jedoch wegen seiner Omnipraesenz bisher wesentlich mehr ins Bewusstsein gedraengt. Fast auf jedem Baum sieht man es umherklettern: Das Streifenhoernchen. Und falls man gerade keines sieht, so hoert man bestimmt irgendwo das Geschrei dieser Tiere, das ein bisschen an den Warnruf einer Amsel erinnert.

Natuerlich gibt es auch Lebewesen, die in die Haeuser vordringen: Zuerst sind da Ameisen verschiedenster Groesse zu nennen. Dann natuerlich Moskitos, vereinzelt Kakerlaken – beides haelt sich hier in Bangalore wegen des angenehmen Klimas und der Sauberkeit im Inneren vieler Haeuser im Rahmen. Und dann gibt es noch einen erfreulichen Gast und zwar eine Sorte an der Wand kletternder Eidechsen, die vermutlich einiges an Insekten verzehrt.

Soviel vorerst zur Fauna und Flora, wahrscheinlich werde ich diesen Beitrag nach und nach noch ein bisschen erweitern und mit ein paar Fotos ergaenzen.

Metro-India und mehr

September 13, 2007 von blogomotivführer

Bangalore ist eine der grossen indischen Metropolen – mit 5-8 Mio Einwohnern die fuenftgroesste Stadt in Indien. Letzte Woche habe ich durch Jinu, einen Mitarbeiter des CCCYC eine kleine Einfuehrung in die Stadt erhalten:

Waehrend wir auf der Rueckbank einer Motorrikscha durch den chaotischen hupenden Verkehr aus Motorrikschas, Mopeds, Autos und Bussen fahren, erklaert er mir, dass es zwei verschiedene Indien gibt: Das „rural India“, in dem die Tradition sehr praegend ist, das Kastensystem gilt und die Rolle der Frau aufs Haus beschränkt ist, und das „urban/metro India“: Hier hat die Mittelschicht die Macht, sie arbeitet in IT-Firmen oder einem der vielen Call-Center in Bangalore, Inder aus verschiedenen Teilen des Landes und Leute aus aller Welt treffen aufeinander, hier vermengen sich in einer Stadt verschiedene Kulturen und Lebensstile. Jinu ist selbst relativ neu in der Stadt, arbeitet beim CCCYC an seiner Doktorarbeit ueber „Genderstudies in southasian societies“, hat Fouccault, Nietzsche und auch Hitlers „Mein Kampf“ gelesen – in der Schule, wegen der These, dass Hitler den zweiten Weltkrieg angefangen hat.

Inzwischen sind wir am botanischen Garten „Lal Bagh“ angekommen. Wir spazieren im Schatten weitgefächerte Mahagonibäume entlang. Ein Teich ist mit Lotusblumen bewachsen. Auf die Frage, ob die Kokosnusspalmen gefährlich sind, wenn die Kokosnüsse reif sind, erzählt mir Jinu einen indischen Witz: „The Coconuttree won’t betray anybody, but the coconut sometimes will.“ Ein warmer aber angenehmer Tag. Der Park ist wie eine Oase im Lärm der Stadt. Menschen sitzen auf Parkbänken und lesen. Pärchen haben sich hierher vor der konservativen indischen Öffentlichkeit, in der wenig Platz für Zärtlichkeiten wie Händchenhalten ist, zurückgezogen. Anders ist das unter Kumpels: Uns begegnen einige Freundescliquen Hand in Hand. Jinu erzählt mir viel über die verschiedenen Pflanzen des Parks, aber auch über Metroindia. Er fragt, wie wir Deutschen zum dritten Reich stehen und erzählt von einer Diskussion beim Weltsozialforum, wo es um die Frage ging, ob ein neuer Weltkrieg ähnlich beginnen würde. Die indischen Teilnehmer waren sich ziemlich sicher, dass ein neuer Weltkrieg eher mit Wasser zu tun hätte.

Später sitzen wir noch in einem Café in der Mahatma Gandhi Road (MG Road) und trinken typischen indischen Tee mit viel Milch und Zucker. Hier läuft westliche Musik, überhaupt ist an der MG-Road ziemlich viel los, besonders an den Wochenenden trifft sich hier das junge urban India.